Viertelkrimi 09 Bergkirchenviertel

Ende einer Vorstellung

Von Richard Lifka
Wiesbaden . Laut die erste Enigma-Variation pfeifend, trippelte Feuerbach die Treppenstufen hinunter. Er freute sich auf den Abend. Gemeinsam mit Julia wollte er sich eine Theatervorstellung anschauen, danach ein bisschen durchs Bergkirchenviertel schlendern, ihr das Mahnmal am Michelsberg zeigen, um schließlich im Bobbeschenkelche neuesten Klatsch und Tratsch auszutauschen. Natürlich auch in vergangenen Zeiten schwelgen. Mit Dr. Julia Baumann hatte er lange zusammengelebt. Als sie nach Schweden übersiedelte, um dort an einer renommierten Klinik als Oberärztin anzufangen, ging ihre Beziehung in die Brüche. Zum Glück war nach verheiltem Liebesleid Freundschaft geblieben. Alle paar Jahre kam Julia nach Wiesbaden und dann trafen sie sich.
Bösartig bellt ein Hund
2013 04 16 Wiesbadener Kurier Viertelkrimi_001Feuerbach öffnete die Haustür, ging durch den Vorgarten und betrat den Fußweg. Vier junge Leute kamen ihm entgegen. „Hallo, Frederic. Wo soll es denn so spät noch hingehen?“ Nadeshda! „Im Gegensatz zu anderen Menschen hier auf der Straße, vertiefe ich meine Bildung.“ „Und wo und wie gedenkst du deinen grauen Gehirnzellen Futter zu geben?“ Bevor Frederic antworten konnte, begann ein Hund bösartig zu bellen.
Der Detektiv ging sofort in Abwehrstellung, schaute sich suchend um. Die vier jungen Leute lachten laut auf. Die blonde Frau, die neben Manuel stand, zog aus ihrer Handtasche ein Telefon und begann zu sprechen. „Sabrina steht auf Hunde. Darf man nicht so ernst nehmen“, giggelte Nadeshda.
Auf zu den Kammerspielen
Feuerbach schüttelte den Kopf: „Klingt verdammt echt – ich muss los, will hoch zur Bergkirche laufen. Und ihr?“ „Die ach so ungebildete Jugend macht ebenfalls auf Kultur und begibt sich dazu in den Kulturpalast. Dort spielt heute Bohren & der Club of Gore. Völlig abgefahrene Musik. Wenn mein kluges Köpfchen sich nicht irrt, haben wir denselben Weg. Wir begleiten dich natürlich, hauptsächlich um dich vor bösen Hunden zu beschützen.“ Gemeinsam ging es an der Ringkirche vorbei, über Rhein-, Wörth- und Bleichstraße hinüber zur Hellmund- und Wellritzstraße. In der Webergasse trennten sich ihre Wege. Feuerbach ging die Lehrstraße weiter am Tattersall vorbei, um sich neben der Kirche in das neogotische Seitengebäude zu begeben. Dort residierten die Kammerspiele.
Das Konzert im Kulturpalast war gut besucht. Nadeshda stand direkt vor der Bühne, versonnen gegen Manuel gelehnt. Ihre Freundin tippte ihr auf die Schulter: „Ich gehe rauchen.“ Draußen schlenderte Sabrina die Straße entlang, die frische Luft tat ihr gut. Als sie sich in einen Hauseingang drehte, um windgeschützt eine Zigarette anzuzünden, erhielt sie einen Tritt in den Rücken. Sie wurde nach vorne geschleudert, knallte mit dem Gesicht gegen die hölzerne Eingangstür und verlor sofort das Bewusstsein.
Richtung Kulturpalast
Mittlerweile war die „Enigma“-Vorstellung in den Kammerspielen zu Ende. „Dieser Ripken ist einfach unglaublich“, stellte Julia fest und hakte sich bei Frederic unter. „Fast so brillant wie in seinem unvergessenen ,Kontrabass`.“ Die beiden waren schon fast am Römertor angelangt, als Frederics Telefon klingelte. Er nahm das Gespräch, hörte konzentriert zu und sagte nur: „Wir kommen“. Er zog Julia am Arm mit sich fort. „Ich glaube, du wirst gebraucht.“
So schnell sie konnten, eilten sie Richtung Kulturpalast. Als sie an einem Kinderspielplatz vorbeikamen, hörte Feuerbach einen Hund bellen, registrierte dies aber nur so nebenbei. Kurz bevor sie den Kulturpalast erreichten, sahen sie Nadeshda vor einem Hauseingang knien. Auf dem Boden lag ihre Freundin Sabrina, das Gesicht blutverschmiert. Ohne ein Wort zu sagen, schob Julia die Jugendlichen zur Seite und beugte sich zu der verletzten Frau hinunter.
Ein Mann mit Krückstock kam hinzu: „Des waan bestimmt widder so Auslänner. Türke oder Rumäne. Die gibt´s hier im Katzeloch wie Sand am Meer. Elendes Gesocks!“ Da alle sich um Sabrina sorgten, hatte keiner Lust, mit dem Alten zu diskutieren. Julia richtete sich auf. „Schwer zu sagen. Die Wunde an der Stirn ist nicht so schlimm, aber, was mit dem Schädel ist, kann man nur mit einer Computertomografie feststellen.“ Ein sich näherndes Sirenengeheul signalisierte das baldige Eintreffen des Krankenwagens.
Nadeshda war völlig aufgelöst. „Wäre ich nur mit ihr rausgegangen“, machte sie sich Vorwürfe. „Als sie nicht zurückkam, habe ich sie mehrmals erfolglos angerufen …“ Noch während sie das sagte, sprintete Feuerbach plötzlich los und rief nur: „Komm mit!“ Als er sich dem Spielplatz näherte, deutete er Nadeshda, die keuchend nach ihm ankam, stehen zu bleiben.
„Komm doch her, Alter“
„Ruf sie an“, flüsterte er. Sie zog ihr Telefon und wählte Sabrinas Nummer. Hinter dem buntbemalten Flachdach-Häuschen, das links auf dem Gelände stand, begann ein Hund zu bellen. Sie schlichen sich an. Ein etwa zwölfjähriges, blondes Mädchen saß dort auf einem Stein, Sabrinas Handtasche auf dem Schoß. Sie rauchte genüsslich. Sicherlich Sabrinas Zigaretten, dachte Nadeshda. Feuerbach trat vor und griff ohne Vorwarnung nach dem Arm des Mädchens, zog es hoch, drehte es zu sich ein, sodass er es von hinten umfassen konnte. Es war so verblüfft, dass es außer einem „Was soll der Scheiß?“ nichts hervorbrachte. Plötzlich rief Nadeshda: „Frederic, pass auf!“ Zu spät.
Ein heftiger Stoß in den Rücken ließ ihn straucheln. Er stürzte vornüber, das Mädchen konnte sich befreien und rannte fort. Nadeshda versuchte ihr zu folgen, als sie unverhofft drei aggressiv dreinschauenden Gören gegenüberstand.
„Hey, Leute. Cool.“ Nadeshda hob beschwichtigend die Arme. „Verpiss dich. Sonst machen wir dich platt“, zischte die Größere. Mittlerweile hatte Feuerbach sich aufgerappelt und stellte sich neben Nadeshda. Als er sah, dass Manuel und Julia sich rücklings anschlichen, ging er auf das Trio zu. „Gebt auf. Ihr habt keine Chance.“ „Komm doch her, Alter. Kriegst …“ Die weiteren sicherlich unschönen Worte erstickten, als Manuel sich eine und Julia eine andere von hinten packte. Frederic schoss nach vorne und schnappte sich die Dritte. „Ende der Vorstellung“, verkündete Nadeshda und wählte die Nummer der Polizei.

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