Viertelkrimi 02 Rambach

Klettern ohne Seil kann gefährlich sein

Wiesbaden. Ihre Hand tastete über den Fels, rutschte ab, suchte erneut. Das linke Bein, fast bis auf Brusthöhe angewinkelt, drückte sie gegen einen Vorsprung, streckte sich und erreichte eine kleine Spalte. Dann sprang sie hinunter. Landete zielsicher auf dem crashpad, das allerdings wegen der Hanglage wegrutschte. Im letzten Moment gelang es ihr, sich an einen Strauch zu klammern. Sie atmete schwer. Kein besonders gutes Absprunggelände, dachte sie noch.

Feuerbach öffnete die Wohnungstür. Nadeshda stand wild fuchtelnd davor. Aufgeregt sprudelte sie los: „Du musst mitkommen … mein Freund hat angerufen. Seine Schwester meldet sich nicht, er macht sich Sorgen … habe nachgeschaut. … der Kitzelberg ist hier ganz in der Nähe … vielleicht etwas passiert … beim Bouldern …“ Frederic legte seinen Zeigefinger auf ihren Mund. „Tief durchatmen, reinkommen, hinsetzen, einen Schluck trinken, erzählen. In dieser Reihenfolge und so, dass ein normaler Mensch es versteht.“

Sorgen um die Schwester

„Mann, das ist kein Spaß. Monika ist verschwunden, wir müssen los … suchen …“ Während sie ungebremst weiterquasselte, zog er sie am Arm in die Wohnung, drückte sie in der Küche auf einen Stuhl und schenkte ihr ein Glas Wasser ein: „Runter damit!“, befahl er. Nadeshda stockte, wollte wieder loslegen, überlegte es sich anders und trank.

„Wie man diese Wirbelsäulentraktiermaschine Königin nennen kann, ist mir ein Rätsel“, stöhnte Frederic. Die beiden standen eine halbe Stunde später im Gasthaus Zum Hirsch in Rambach, um sich nach dem Weg zum Steinbruch zu erkundigen und gleichzeitig mit einer Cola zu erfrischen. „Das ist eine Original-Vespa 125 von 1955, mit zwei Schwingsätteln und fett in Schuss.“
„Schon gut, schon gut. Genau wie ich. Ich meine Geburtsjahr und Zustand.“

Nadeshda hatte Frederic erzählt, ihr Freund Manuel mache sich große Sorgen um seine Schwester. Sie habe sich immer noch nicht gemeldet. Es wusste nur, dass sie zu einer Tageswanderung aufgebrochen war. Lediglich an die Namen Kitzelberg und Kellerskopf konnte er sich erinnern, weil er die so lustig fand. Später wollte sie dann in einem Steinbruch bouldern und abends eine Vorstellung von „Die Mausefalle“ besuchen. Monika war ein begeisterter Agatha-Christie-Fan und hatte schon mehrmals „The Mousetrap“ im Londoner St. Martin’s Theatre gesehen. Nadeshda hatte herausgefunden (sicher google sei Dank, dachte Feuerbach), dass es in Rambach einen Steinbruch gab und das Kriminalstück tatsächlich dort von einem Amateurtheater aufgeführt würde. Mit ihrem Motorroller waren sie in den Vorort gefahren. An den roten Ampeln erklärte Nadeshda ihrem Sozius, dass es sich beim Bouldern um Klettern ohne Kletterseil an Felsblöcken handelte, von denen man dann heruntersprang.

Als sie das Gasthaus verließen, kam ihnen ein Mann entgegen. Er trug einen Rucksack, pfiff fröhlich vor sich hin und tänzelte dabei. Da es schon nach 19 Uhr war, ging es zunächst zum Gemeindehaus im Kirchweg. Dort sollte die Vorstellung stattfinden. Eine Menschentraube hatte sich vor dem Eingang des Backsteingebäudes gebildet, aber Monika war nicht darunter.

Schnelle Fahrt auf der Vespa

Nun beeilten sie sich, zum Steinbruch zu kommen, bevor es dunkel wurde. Es war nicht ungefährlich, die Vespa durch das unwegsame Gelände zu steuern, zumal Bodenvertiefungen Nadeshda nicht veranlassten, langsamer zu fahren. Als es gar nicht mehr voranging, stellten sie das Fahrzeug ab. Die junge Frau stürmte los, Frederic begann angesichts des leichten Anstiegs nach Luft zu schnappen und stapfte kopfschüttelnd hinterher. Monika konnte sich überall aufhalten und hatte einfach keine Lust, sich beim Brüderlein zu melden. Nur Nadeshda zuliebe war er mitgekommen.

Sie waren Freunde geworden. Die Abiturientin war einfach eine Nummer für sich. Quirlig, immer gut gelaunt und freundlich. Ganz anders als die muffeligen Teenager, die er so oft in der Fußgängerzone rumhängen sah. Vielleicht war es lediglich das immerwährende Generationenproblem, dass ihn das Verhalten, die Musik und Freizeitbeschäftigungen der heutigen Jugend so fremd erscheinen ließ … in diese Gedanken hinein hörte er ein Rufen: „Frederic, schnell, hier!“ Am Rande einer Felswand lag jemand. Nadeshda kniete daneben und streichelte die Wangen. Feuerbach beugte sich ebenfalls hinunter. Am Hinterkopf klebten blutverschmierte Haare. „Ruf einen Krankenwagen“, presste er hervor und versuchte, Monikas Halsschlagader zu fühlen.

„Ich bin nicht abgestürzt“, flüsterte Monika mit schmerzverzerrter Stimme. Frederic und Nadeshda umstanden das Krankenhausbett und waren froh, dass Manuels Schwester außer einer schweren Gehirnerschütterung keine weiteren Verletzungen erlitten hatte. „Jemand hat mich niedergeschlagen. Mein Rucksack?“ Feuerbach und Nadeshda schauten sich an, hoben beide die Schultern. „Da war mein iPad, mein Handy und mein ganzes Geld drin, abgesehen von den Papieren. Verdammt – autsch“, sie fasst sich am Kopf. „Hast du jemanden gesehen?“ „Nein, nur gehört.“ „Gehört?“
„Er hat gepfiffen. Ein englisches Kinderlied. Die Kinder in London singen es viel. Es heißt Three blind mice.“ „Kenne ich nicht“, überlegt Nadeshda während Frederic leise anfing zu trällern: „They all ran after the farmer’s wife / Who cut off their tails with a carving knife …“
Denkst du, was ich denke?“, unterbrach sie ihn. Der Detektiv nickte.

Ein alter Bekannter

Im Polizeipräsidium saßen die beiden bereits eine geraume Zeit und schauten sich Fotos von Vorbestraften an. Nadeshda gähnte, Feuerbach sehnte sich nach einem trockenen Bordeaux. „Das ist er“, stieß sie plötzlich hervor, als ein neues Konterfei auf dem Bildschirm erschien. Aufgeregt sprang sie hoch. „Das ist der Kerl, voll klar! Meinst du doch auch? Das ist das Schwein.“ Er nickte zustimmend. Die Polizistin, die an einem anderen Schreibtisch gesessen hatte, kam zu ihnen herüber. „Ach der. Ein alter Bekannter. Den kriegen wir schnell. Danke. Gute Arbeit.“
Nadeshda reichte Frederic die Hand: „Well done, Mr. Stringer.“

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