Viertelkrimi 17 Igstadt

Auch Ermittler sind mal schlecht drauf

20140123 Igstadt_001

Frederic lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und zog an der Selbstgedrehten. Er saß in seiner Küche, ihm gegenüber Nadeshda. „Kein guter Tag“, sagte sie und versank ebenfalls in nachdenkliches Grübeln.
Feuerbachs Tag hatte wenig amüsant begonnen. Am Vormittag das Treffen mit seiner Ex-Gattin Claudia, die ihm glückstrahlend mitteilte, dass sie im nächsten Monat heiraten würde. Was eigentlich absehbar gewesen war, aber dennoch hatte der Stich in seinem Inneren geschmerzt. Stärker, als er sich eingestehen wollte. Kurz darauf erhielt er die Mitteilung von Hauptkommissar Fischer, dass man Wolf Blaukorn in einem Waldstück bei Igstadt gefunden hatte. Erschossen. Genau dieser Blaukorn war es, auf den der Detektiv aufpassen, dessen Leib und Leben er hatte beschützen sollen.
„Ein beschissener Tag“
Nadeshda ging es nicht viel besser. Die Nachricht, dass sie mit Pauken und Trompeten durch eine wichtige Klausurprüfung gerasselt war, hatte ihr den Tag vermiest. Als ihr dann noch Manuel offerierte, er nehme in Kürze an einer vierwöchigen Expedition in die Arktis teil, war auch ihr Stimmungsbarometer auf dem Nullpunkt angekommen. Kurz entschlossen hatten sich Feuerbach und Nadeshda zusammengetan, um sich gegenseitig zu trösten, sich wieder aufzubauen. Die leere Rotweinflasche zeugte davon, dass reden alleine nichts genutzt hatte. „Ein beschissener Tag“, bekräftigte sie. „Erzähl doch mal, was es mit diesem Typ auf sich hat.“
Blaukorn ist Kronzeuge
Feuerbach räusperte sich, schüttelte zunächst den Kopf, begann aber dennoch: „Also, gut. Blaukorn war zu mir gekommen und hatte mich um Personenschutz gebeten. Er sollte als Kronzeuge gegen eine Bande serbischer Waffenschieber aussagen. Allerdings hatte die Staatsanwaltschaft keine akute Lebensgefahr für ihn festgestellt und ein Schutzprogramm für nicht erforderlich gehalten. Die ersten Tage war alles gut gegangen, es gab keinerlei Anzeichen, dass es jemand auf ihn abgesehen hatte.
Am Sonntagmorgen nahm er an einer Treibjagd bei Igstadt teil. Ich musste da natürlich mit, blieb ihm stets dicht auf den Fersen. Als am Ende das erlegte Wild dekorativ aufgereiht präsentiert und das Jagdglück begossen wurde, war Blaukorn plötzlich verschwunden. Seitdem zermartere ich mir mein Gehirn, wie das passieren konnte. Eigentlich habe ich ihn nicht einen Moment aus den Augen gelassen. Irgendwas oder irgendjemand muss mich kurz abgelenkt haben. Ich bin sofort los, habe überall gesucht, zu Hause bei ihm, habe bei Kollegen und Verwandten nachgefragt, mit der Polizei gesprochen, die keinen Handlungsbedarf sah, bin wieder raus nach Igstadt gefahren, Anwohner befragt – zwecklos. Er blieb spurlos verschwunden.
Am nächsten Morgen hat man dann seine Leiche zufällig in Igstadt gefunden. Du hast sicherlich davon gehört, dass auf einen Bürocontainer des Rettungsdiensts, die am Ortsausgang an der Hinterbergstraße stehen, ein Schuss abgefeuert wurde, der eine Scheibe durchschlug und in einem zum Glück unbesetzten Schreibtisch stecken geblieben war. Man vermutete zunächst, es handelte sich um einen Querschläger der Treibjagdgesellschaft, die an diesem Morgen in der Nähe herumgeballert hatte. Als mehrere Polizisten die Gegend absuchten, woher der Schuss gekommen sein musste, ist man auf die Leiche gestoßen. Vor einer halben Stunde hat mich Fischer angerufen und mir mitgeteilt, das Geschoss, das in Bleikorns Kopf steckte, stamme aus derselben Waffe, wie das im DRK-Container.“ Nadeshda bemerkte, wie sehr Frederic litt, wie sein Versagen ihm zu schaffen machte. Sie wollte ihn trösten, beugte sich zu ihm hin und stieß dabei gegen ein Glas, das seinen roten Inhalt über den Tisch ergoss.
Glühwein auf der Jacke
„Verdammt!“, fluchte Feuerbach. „Na, na, so schlimm ist das ja…“ „Nein. Ich meine nicht dich, Nadeshda. Ich bin ein alter Hornochse. Eine Frau hatte mich angestoßen und Glühwein auf meine Jacke gekippt. Wieso fällt mir das erst jetzt ein?“ „Wahrscheinlich war sie schlank, blond, blauäugig und großbusig…“ „Wo du es sagst – quatsch, sie war klein, rothaarig und trug unförmige Jägerklamotten. Sie muss auf einem der Fotos sein, die gemacht wurden. Komm mit! Wir haben zu tun.“
Während das Taxi die beiden über Bierstadt nach Igstadt chauffierte, telefonierte Feuerbach mehrmals. Er hatte Glück und erreichte die Vorsitzende des Wiesbadener Jagdvereins, die auch sofort zu einem Treffen bereit war. Als das Taxi unterhalb des 27 Meter hohen und über 100 Jahre alten Wasserturms hielt, wartete die Dame schon auf sie. Auf den Fotos, die sie mitgebracht hatte, war die Rothaarige eindeutig zu erkennen. „Das ist die Gattin eines serbischen Unternehmers, der hin und wieder an unseren Jagden teilnimmt. Ich glaube, er hat eine Ex- und Importfirma in Frankfurt“, erklärte sie. Das genügte Feuerbach. Er rief Hauptkommissar Fischer an und teilte ihm den Namen des Geschäftsmanns mit.
Bei der Razzia in der Mainmetropole am nächsten Morgen konnte nicht nur das Gewehr, aus dem der tödliche und der Fehlschuss abgegeben worden waren, sichergestellt werden, sondern auch Unterlagen, die eindeutig Verbindungen zu den Waffenschiebern belegten.
„Na, da hast du dir ja ein großes Halali verdient“, unkte Nadeshda, als Frederic ihr von den Fahndungserfolgen erzählte. „Ein kleines Halleluja wäre mir lieber.“

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 23.01.2014, Seite 20

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