Viertelkrimi 18 Sonnenberg

Das Lottoglück eines Penners

 

2014 02 Sonnenberg 18

„Ich habe schon dreimal gewonnen. Das ist bei mir so. Immer wenn ich ein paar Euro übrig habe, kaufe ich mir einen Lottoschein. Kleinere und größere Beträge. Das ist einfach so. Können Sie mir glauben.“
Feuerbach musterte den Mann, der neben ihm auf der Mauer des Bergfrieds der Sonnenberger Burg lehnte. Zu seinen Füßen standen drei Plastiktüten, vollgestopft mit den Habseligkeiten eines Vagabunden. Andere würden ihn als Penner bezeichnen, dachte der Detektiv. Denn so sah er aus und – so roch er auch. Er sprach langsam und emotionslos. „Was verstehen Sie unter größeren Beträgen?“, wollte Frederic wissen. „Na, mal 50, mal 20.“ Okay, für ihn sicherlich große Beträge … „Tausend“, unterbrach ihn der Mann.
Peter, so hatte sich der Obdachlose vorgestellt, bemerkte Feuerbachs ungläubiges Staunen. „Wirklich. Das ist einfach so. Wegen meines letzten Gewinns habe ich Sie ja auch angerufen.“ Sein Blick wanderte zunächst hinunter zum alten Stadtkern, hinüber zur Stadtmauer und dann, sehnsüchtig, das Sonnenberger Tal entlang. Die Frühjahrssonne erhellte sein Gesicht.
„Mir gefällt mein Leben“, kam er Feuerbachs nächster Frage zuvor. „Ich brauche das Geld nicht, weder für Miete, Auto, Waschmaschine oder anderen Schnickschnack. Ab und zu ein gutes Essen, ein paar neue Klamotten, eine Generalreinigung und ein, zwei Nächte in einem Hotel. Aber dann zieht es mich wieder auf die Straße, auf Parkbänke und unter Brücken. Das ist einfach so.“
Feuerbach nahm es hin, war allerdings gar nicht sicher, ob der Typ ihm gerade einen riesigen Bären aufband. Auch das hatte Peter vorausgesehen und zog aus einer der Tüten zerknitterte Papiere, die sich bei näherer Betrachtung als Kontoauszüge einer Kölner Bank entpuppten. Kontoinhaber: Peter Matschek, Guthaben: 16 291 Euro. Feuerbach beschloss ihm zu glauben: „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Es ist so: Gewinne über 2500 Euro werden von den Annahmestellen nicht bar ausbezahlt und ich muss sie bei der Lottogesellschaft abholen. Und das ist das Problem. Wie man mir ja unschwer ansieht, bin ich obdachlos und habe keinen Personalausweis, sondern nur eine Bescheinigung des Kölner Obdachlosenheims, dass ich dort quasi gemeldet bin. Aber ohne Personalausweis keine Kohle, haben die von der Lottogesellschaft gesagt. Da habe ich dann meinen Bruder gefragt, ob er das Geld für mich abholen könnte. Das hat er auch gemacht. Die beiden ersten Male war alles okay. Für den letzten Gewinn gab ich ihm ebenfalls den Schein und seitdem versuche ich erfolglos, ihn zu erreichen.“
„Und Ihr Bruder wohnt hier in Sonnenberg?“ „Ja, Danziger Straße. Hat eine Praxis. Ist Dr. Dr. Irgendwas. Heißt auch nicht mehr Matschek, weil er den Namen seiner vierten Frau annahm. Hat einen richterlichen Beschluss erwirkt, dass ich mich ihm nicht mehr nähern darf, weiß nicht auf wie viele Meter, sonst komme ich in den Knast…“ Peter stockte, fuhr mit Tränen unterdrückender Stimme fort: „Dabei habe ich ihm schon den ersten großen Gewinn geschenkt, weil er in finanziellen Schwierigkeiten war. Ist doch mein Bruder.“ „Wie viel?“ „65 000.“

„Gibt es hier auch eine Schlossallee?“, fragte Nadeshda, während sie von der Vespa stieg und Frederic seinen Helm abnahm. Sie waren die Parkstraße am Kurpark entlang gefahren, über An der Dietenmühle in die Sonnenberger abgebogen, die dann in die Danziger Straße mündete. Feuerbach hob die Schultern: „Warum?“ „Na, die Hütten, an denen wir vorbeigefahren sind, sehen nicht gerade wie Sozialbauten aus.“ „Wie auch? Sonnenberg galt schon immer als gehobenes Wohnviertel. Nicht umsonst ist hier die Kaufkraft je Einwohner die weitaus höchste von ganz Wiesbaden – übrigens, ich habe dich als meine essgestörte Tochter angemeldet.“
Beim Psychiater
„Wie bitte?“ „Das ist also Ihre Tochter, Herr Feuerbach. Schön. Nehmen Sie Platz, ja so.“ Nadeshda versuchte ernst zu bleiben, setzte sich auf den Stuhl neben Frederic. Dr. Dr. Walter Schmidt, seines Zeichen Psychiater und Psychotherapeut, musterte die beiden neuen Patienten über den Rand einer schmalen Lesebrille. „Wo drückt denn der Schuh, ja so?“
Feuerbach räusperte sich, bevor er sagte: „Ich muss da ein Missverständnis aufklären. Frau Becker ist nicht meine Tochter…“ „Oh, Verzeihung, immer diese Vorurteile, ja so…“ „Auch nicht meine Frau oder Geliebte…“ „…ja so…“ „Sie ist Journalistin und schreibt für die Wiesbadener Tageszeitungen. Sie wird die nächsten Tage einen Artikel über einen Obdachlosen veröffentlichen. Ich glaube, Sie kennen ihn. Peter Matschek.“ Dr. Dr. Schmidts Minenspiel war sehenswert: ungläubiges Staunen, Zweifel und fürchterliche Wut. Erst nacheinander, dann gleichzeitig. „Was fällt Ihnen ein…“
„Was werden Sie jetzt machen?“ Nadeshda überreichte Peter Matschek eine Plastiktüte voller Euroscheine. „Duschen, neue Kleider, ein Hotelzimmer…dann wieder auf die Rolle.“ Er nahm seine vier Tüten, ging los und hob kurz den Arm zum Gruße. „Merkwürdiger Kauz“, sinnierte Nadeshda. „Frederic, du weißt schon, dass das Erpressung war?“ „Wovon sprichst du? Ich habe nur meine Tochter, die sich einbildet eine großartige Journalistin zu sein, zum Therapeuten gebracht. Das unterliegt doch der ärztlichen Schweigepflicht, ja so.“

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 24.02.2014

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