Viertelkrimi 21 Auringen

Es wächst etwas in Auringen …

„Ich versuche, das Schweinchen bei der Neunmetermarke zu platzieren“, sagte der Vereinsvorsitzende, und Nadeshda unterdrückte ein Grinsen. Es war amüsant, wie die fünf Männer mit ernster Miene und voll konzentriert auf der Boulespielfläche neben dem Kindergarten standen und ebenso wie Nadeshda je zwei Metallkugeln in den Händen drehten. Stehend, den rechten Arm nach vorne bewegend, ließ Jürgen Abt das Kügelchen in Schulterhöhe los. Es flog ein paar Meter, setzte auf und rollte ein Stückchen weiter. „Naja“, kommentierte er seinen Wurf, „ging schon mal besser. Jetzt Sie, Frau Becker. Versuchen Sie, Ihre Kugel so nahe wie möglich an das Cochonnet zu legen“. „Zeig´s den Profis“, feuerte Manuel sie an. Mit legen meint er wohl werfen, überlegte Nadeshda, während sie in den Wurfkreis trat.
Wie einfach ist Boule?

Viertelkrimi Auringen

„Die Füße zusammenstellen“, wies Abt sie an. Sie gehorchte und warf. Schon beim Loslassen merkte sie, dass der Schwung zu stark war und die Kugel landete weit hinter dem Schweinchen. „Mehr Gefühl, mein Schatz“, kicherte Manuel und küsste sie auf die Wange. „Beim nächsten Mal wird´s besser.“ „Du glaubst nicht, wie so ein simples Spiel einen in den Bann ziehen kann“, erzählte Nadeshda am darauffolgenden Tag Frederic Feuerbach. „Zuerst dachte ich, das sei so eine Männer-Kinderei. Aber nach und nach hat mich dann die Pétanque-Sucht gepackt. Das musst du einfach ausprobieren.“
Frederic schaute eher kritisch auf seine Pizza, die er eben aus der Mikrowelle gezogen hatte. „Wenn ich alt bin, vielleicht. Auch ein Stück?“ „Ne, wenn ich mich vergiften will, vielleicht. Aber warum ich eigentlich gekommen bin, hat allerdings mit einem etwas anders gearteten Genussmittel zu tun. Als wir gestern Abend unsere Kügelchen warfen und wieder aufhoben, habe ich mitbekommen, wie sich der Vorsitzende des Vereins mit einem Mitspieler unterhielt, der ebenfalls in Auringen wohnt. Thema waren verdächtige Gerüche, die aus einem Haus in der Nähe des Spielplatzes kamen. Du kennst ja meine Neugier. Ich bin nach dem Spiel natürlich zu dem Haus gefahren. Es roch ziemlich stark, und weißt du wonach?“ „Du wirst es mir gleich sagen“, meinte Feuerbach mit vollem Mund. „Cannabis!“ „Echt?“ „Ich schwöre, bei meiner gepiercten Nase.“ „Welches Piercing?“ „Rein rhetorisch.“
Feuerbach wischte sich den Mund ab und lehnte sich zurück: „Bist du heute schräg drauf? Vielleicht ist das mit dem Marihuanaduft ja wahr und er ist dir direkt ins Gehirn gestiegen? Jedenfalls sollten wir uns das Haus anschauen, beziehungsweise anschnüffeln. Da es bald dunkel wird, fallen wir in dem beschaulichen Auringen wohl kaum auf.“ Über die B 455 fuhren sie auf Nadeshdas Motorroller nach Bierstadt, um von dort nach Naurod zu gelangen. Auf der Kreisstraße ging es weiter bis zum Ortseingang von Auringen. Über die Straße Alt Auringen lenkte Nadeshda ihr Fahrzeug bis zum Friedhof, bog in den Holzweg ein, wo sie auf einem der Parkplätze stehen blieb und abstieg.
„Ich denke, wir gehen den restlichen Weg zu Fuß. Ach, schau! Dort steht so eins dieser Denkmäler, die mir immer wie die Verhöhnung der Menschlichkeit vorkommen.“ „Na, na, Frau Becker. Jetzt auch noch philosophisch und sarkastisch? Es gibt Menschen, denen bedeutet so ein Mahnmal sehr viel.“ Nadeshda lief hinüber zu dem sich nach obenhin verjüngendem Steinblock. Mit der Taschenlampenfunktion ihres Handys beleuchtete sie die Inschrift auf der Vorderseite: „An dem glorreichen Feldzug 1870/71 haben theil genommen.“ „Fragt sich nur, für wen das glorreich war“, murmelte sie.
Ein Wagen wird beladen
Sie gingen weiter und kamen bald an dem Haus an, das Nadeshda beschrieben hatte. Es entpuppte sich als ein stattliches Zweifamilienhaus, in dem kein Licht brannte. Vor dem Eingang parkte ein Kleintransporter, die hinteren Klapptüren standen offen. In dem Moment, als die beiden näher herangehen wollten, kam ein Mann aus dem unbeleuchteten Hauseingang. Er trug etwas mit beiden Händen und brachte es zum Wagen. Schnell zog Frederic Nadeshda nach unten. Sie versteckten sich hinter einem geparkten Fahrzeug.
„Du hast Recht“, flüsterte der Detektiv. „Ich kann es bis hierher riechen. Was der Typ da trägt, sieht verdammt nach einer Pflanze aus.“ „Was machen wir?“ „Ich rufe Hauptkommissar Fischer an. Soll der entscheiden.“ Als Frederic Verbindung hatte, gab er durch, was sie sahen und rochen. „Wir sollen hier bleiben und beobachten. Er schickt einen Streifenwagen.“ Mittlerweile hatte der Mann seine Pflanze abgestellt, die Hecktüren verriegelt, und stieg in die Fahrerkabine ein.
„Der haut ab!“, stieß Nadeshda hervor und sprang auf, bevor Feuerbach reagieren konnte. Sie ging auf den Transporter zu. Mit der Hand hinterm Rücken deutete sie Frederic, zurückzubleiben. Er zögerte und sah, wie Nadeshda gegen die Seitenscheibe des Wagens klopfte. Das Fenster öffnete sich einen Spalt.
„Hey, kannst du mir sagen, ob es hier ´ne Taxalette gibt? Ich will dich ja nicht eintexten, kenn´ mich hier aber null aus. Eigentlich wollte ich in die City trampen. Aber in diesem abgedrehten Nest ist ja nicht mal eine Alugurke unterwegs…“ Nadeshda plapperte ohne Pause weiter. Doch als der Typ sie aufforderte einzusteigen, stürmte Feuerbach los. In diesem Moment gab es im Haus eine Detonation, Fensterscheiben barsten und Splitter flogen bis auf die Straße. Gleichzeitig loderten Flammen auf, der Motor startete und der Transporter schoss mit quietschenden Reifen davon.
Wunderschöne Pflanzen
Eine Stunde später leuchtete Auringen in blau rotierendem Signallicht und blendenden Suchscheinwerfern. Das Feuer war gelöscht. „Wir konnten ihn kurz vor der Autobahn stoppen. Die Kiste war von oben bis unten voll mit wunderschönen grünen Pflanzen“, berichtete Fischer zufrieden. „Soweit die Brandermittler schon etwas sagen können, war das Haus eine einzige Marihuana-Plantage. Das Feuer wurde gelegt. Wir haben an zwei Stellen Brandbeschleuniger gefunden. Vermutlich war es den Betreibern des Gewächshauses im wahrsten Sinne zu heiß geworden und sie wollten alle Spuren vernichten, nach dem sie die letzte Ernte abtransportiert hatten.“

Wiesbadener Kurier vom 22.10.2014, Seite 21

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