Viertelkrimi 16 Frauenstein

Silvesternacht eines verliebten Heimatdichters

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„Komm doch mit“, drängelten Nadeshda und ihr Freund Manuel. „Es ist wirklich sensationell. Der Blick über die Weinberge bis hinunter zum Rhein, den Rheingau und hinüber nach Rheinland-Pfalz. Wenn überall die Raketen in den Nachthimmel schießen und rote Schwaden bengalischen Feuers durch die Landschaft schweben …“
Frederic wollte eigentlich nicht. Die vergangenen Jahre hatte er die Silvesternacht stets alleine zuhause verbracht, bei einem guten Bordeaux und Buch. Für ihn war der Jahreswechsel ein unwichtiges Ereignis, weder ging etwas zu Ende noch begann etwas Neues. Nichts änderte sich außer der letzten Ziffer der Jahreszahl.
Mit zwei Flaschen Sekt
Aber den Überredungskünsten der jungen Leute konnte er sich nicht entziehen und so brachen sie gegen 23 Uhr Richtung Frauenstein auf. Hinter dem Ortseingang bogen sie links ab und fuhren die schmale Straße vor, fast bis zum Nürnberger Hof, wo sie das Auto abstellten und den Rest hinauf zum Goethestein liefen. Bewaffnet mit Sektgläsern und zwei Flaschen Sekt, erreichten sie den aus Quadern auf der Grundfläche eines gleichseitigen Dreiecks errichteten Tetraeder, dessen hoch aufragende Spitze an einen Obelisken erinnerte.
Gespannte Stimmung
Schon viele Menschen standen herum, waren in Gespräche vertieft oder saßen wagemutig auf der das Denkmal umgrenzenden hohen Mauer. Es herrschte eine eher ruhige, aber untergründig gespannte Stimmung. Denken und Fühlen waren auf das Verstreichen der Zeit gerichtet. Frederic ging vor an die Steinbrüstung, ließ seinen Blick über die unter ihm von Straßenlaternen und Wohnungsbeleuchtungen erhellte Nacht streifen. Hier oben war es dunkel, Mond und Sterne hatten sich hinter Wolken versteckt. Lediglich im Wechsel aufglimmende Zigarettenglut oder beleuchtete Smartphone-Displays setzten einige Lichtpunkte.
Tief unten, am Fuße der Mauer, erkannte er schemenhaft eine Sitzbank, und wenn er genauer hinschaute, meinte er, zwei Personen zu erkennen, die darauf saßen. Auch kein schlechter Platz, dachte er, bevor Nadeshda ihn aus seinen Gedanken riss und ihm ein Sektglas in die Hand drückte: „Noch fünf Minuten!“
Die letzten zehn Sekunden
Die letzten zehn Sekunden zählten die Goethesteinbesucher im Chor herunter, um bei null in einem mehrstimmigen Kanon aus Rufen von „Frohes neues Jahr“ oder „Prost Neujahr“ ihre aufgestaute Anspannung zu entladen. Sektkorken knallten, und schon krachten die ersten Böller los, Raketen schossen pfeifend in die Höhe, um in buntem Leuchten zu explodieren. Während Frederic mit Nadeshda und Manuel anstieß, ging sein Blick wieder hinunter zur Sitzbank. Gerade stand eine der beiden Personen auf, steckte etwas in die Manteltasche, zögerte und entfernte sich dann eilig nach links. Richtung Nürnberger Hof.
Der Frauensteiner Heimatdichter Reinhold Luft hatte sich verliebt. Überraschend und schmerzlich. Überraschend, weil es eine Frau war, die er schon ewig kannte und schmerzlich, weil es die Frau seines besten Freundes war. Nun war es geschehen und ließ sich nicht mehr rückgängig machen. Fast täglich besuchte er nun seinen Freund, erfand immer neue Ausreden für sein Kommen, nur, um in Charlottes Nähe zu sein. Natürlich hatte sie es gespürt, war errötet, wenn er sie wie zufällig berührte, sei es in der Küche, wenn er ihr das Geschirr hineintrug, sei es beim Einlagern der Flaschen, wenn er den beiden im Weinkeller half. Er war sich sicher, dass auch Charlotte ihn liebte, seine Sehnsucht, sein Verlangen spürte.
Und eines Tages war es geschehen. Sein Freund Albert war fortgegangen, Charlotte alleine. Das ewige Spiel des Balzens, Verführens und Paarens hatte seinen Lauf genommen und Reinhold war am Ziel all seiner Hoffnungen und Wünsche angekommen. Noch bevor er an diesem Abend nach Hause geschwebt war, hatten sie sich für die Silvesternacht verabredet. Er würde auf der Bank am Goethestein auf sie warten, sie würde kommen, sobald Albrecht schliefe und das würde, bemerkte Charlotte, nicht lange dauern, da er stets früh einschliefe, es fast nie bis Mitternacht schaffte, wach zu bleiben.
„Er hat sich nicht bewegt“
Nachdem die meisten ihre Munition verschossen, die Gläser und Flaschen geleert hatten und schwankend abgezogen waren, registrierte der Detektiv, dass die Person noch immer auf der Bank an der Mauer saß. „Er hat sich nicht bewegt“, meinte Feuerbach und wandte sich schon zur Steintreppe, die links am Goethestein vorbei nach unten führte. „Wird schlafen“, befand Nadeshda und folgte Frederic, Manuel an der Hand. Mit dem Licht ihres Handys beleuchtete sie den gefährlichen Weg.
Der Mann hatte die Augen geschlossen, zu seinen Füßen lagen zwei leere Weinflaschen und zwei zerbrochene Gläser. Feuerbach beugte sich zu ihm hinunter, berührte ihn an der Wange. „Kalt“, murmelte er und versuchte, seine Finger auf die Halsschlagader zu legen. In diesem Moment schlug der Mann die Augen auf. Der Detektiv wich erschrocken zurück. „Cha … Cha … lotte“, lallte er. „Ich habe ihr sooo einen schönen Liebesbrief geschrieben … so liebevoll … so poetisch – wo ist er eigentlich?“ Er schaute sich um, bemerkte jetzt erst Feuerbach und seufzte: „Na egal. Und wer bist du? Auch egal. Sie hat gesagt, sie wird Albrecht niemals verlassen …“ Er stand auf und schwankte los in Richtung Frauenstein.
Wird nicht so bleiben
„Uff“, machte der Detektiv. „Diesmal kein Verbrechen, keine Leiche. 2014 fängt ja gut an!“ „Was aber sicherlich nicht so bleiben wird, wie ich dich kenne“, unkte Nadeshda, umarmte Manuel mit dem linken und Frederic mit dem rechten Arm: „Happy New Year! Feliz Año Nuevo! Bonne année! Mutlu yillar!“

 

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 30.12.2013, Seite 26

Von Richard Lifka

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