Viertelkrimi 25 Naurod

Der Brautvater und der „Bembel des Todes“

Auf der grünen Wiese stand die Bank, auf der das Brautpaar Platz genommen hatte. Im Hintergrund ragte, neben dem mit Efeu bewachsenen Gebäude des Berggasthofs, der 20 Meter hohe Turm des Kellerskopfs bis hinauf in den siebten Himmel. Glücklich lächelte die Braut und Tochter des Großunternehmers Hammelschneider in die blitzenden und klickenden Fotoapparate und Smartphones. Der Bräutigam saß aufrecht, blickte stolz umher und hatte den Arm einnehmend um seine Angetraute gelegt. Nach der Fotosession begab sich die Gesellschaft hinauf zum Gasthof.

Viertelkrimi 26 Naurod
Frederic Feuerbach und Nadeshda befanden sich am Ende der Schlange. „Danke, dass du mitgekommen bist. Alleine wollte ich nicht gehen. Außer der Braut kenne ich ja niemanden.“ „Ich weiß, dass ich der Lückenbüßer für Manuel bin“, entgegnete Frederic. „Wenn auch die meisten hier ziemliche Schickimicki-Typen sind, so war die Torte nicht zu verachten. Und auf den extra für diesen Anlass gekelterten Apfelwein bin ich wirklich gespannt.“
Oberbürgermeister kommt
Als alle sich im festlich geschmückten Speisesaal versammelt hatten, klopfte der Brautvater an sein Champagnerglas und begrüßte die Gäste. Besonders erfreut zeigte er sich, dass der Wiesbadener Oberbürgermeister vorbeigekommen war. Er kam direkt von der Eröffnungsfeier des diesjährigen Äppelblütefests in Naurod.
„Woher kennst du überhaupt die Braut?“, fragte Feuerbach. „Ach, Sylvie und ich haben uns in der Uni angefreundet. Sie hat schon vor einem Jahr das Studium abgeschlossen und ist jetzt im Management von Papas Firma. Als einziges Kind hatte sie kaum eine Wahl. Sie wird irgendwann das gesamte Vermögen erben, inklusive Unternehmen.“
Die Feier nahm ihren Verlauf, Tischreden wurden gehalten, vor und nach dem Essen, und ein Trio spielte zum Tanz auf. Gegen Mitternacht ging plötzlich das Licht aus, lediglich in der Mitte der Tanzfläche verblieb ein Lichtkegel. Feierlich trat der Bräutigam Sören Müller in den hellen Kreis.
Mit beiden Händen hielt er einen überdimensionierten Apfelweinbembel. Er hob das Gefäß hoch: „Liebe Gäste, verehrter Schwiegervater. Das ist der berüchtigte Bembel des Todes. Er fasst acht Liter. Normalerweise wird er mit einem Rum-Cola-Mix gefüllt und geext, wie das in der Fachsprache heißt. Da aber, lieber Schwiegerpapa, ich deine Vorliebe für das Nauroder ,Stöffche´ kenne, habe ich ihn mit unserem köstlichen Apfelwein befüllt. Ich bitte dich nun, deinem Schwiegersohn, der ich ja seit heute bin, beim Exen zu helfen.“
Nachdem es zunächst sehr still im Raum geworden war, erhob sich allgemeines Gemurmel. Alle Augen richteten sich auf Hammelschneider. Seine Tochter versuchte, ihn zurückzuhalten. Als er dennoch aufstand, eilte sie hinüber zu ihrem Ehemann. Sie zischte ihm etwas ins Ohr, dieser schüttelte nur den Kopf und ging seinem Schwiegervater zwei Schritte entgegen. Sylvie rollte die Augen und ließ sich auf einen freien Stuhl neben Nadeshda nieder.
Männerspielchen
„So ein Wahnsinn“, sagte sie ziemlich wütend. „Scheiß Männerspielchen. Papa weiß genau, dass er nicht so viel Alkohol trinken soll. Mit seinem Diabetes ist nicht zu spaßen.“ Die beiden Männer standen sich gegenüber, Schaulustige hatten sich um sie herum gruppiert. Sören führte den Bembel zum Mund und trank einen gehörigen Schluck. Apfelwein lief ihm seitlich aus dem Mund und tropfte auf den Hemdkragen. Dann reichte er Hammelschneider das Gefäß.
Dieser setzte an und stand seinem Schwiegersohn in nichts nach. Als der Krug dreimal hin und her gegangen war, schritt Sylvie ein. Sie ergriff den Bembel und überreichte ihn einem jungen Mann, der ihr am nächsten stand.
Sören wollte protestieren, überlegte es sich aber anders, fasste die Braut unter und wirbelte sie im Kreis herum. Dabei fiel ihm ein schwarzes Nylon-Etui aus der Jacketttasche und blieb direkt vor Frederics Füßen liegen. Feuerbach hob es auf. Der Reißverschluss war zur Hälfte geöffnet und Frederic erkannte einen nach oben sich verdickenden Stift. Schon griff Sören hastig danach und steckte das Täschchen wieder ein.
Gegen drei Uhr in der Frühe hatten die meisten Gäste das Fest verlassen. Feuerbach döste auf dem Stuhl und verfluchte sich innerlich, zu viel Apfelwein getrunken zu haben und damit auf Nadeshda als Fahrerin angewiesen zu sein. Sie schien überhaupt nicht müde zu werden. Erst hatte sie ewig lange getanzt, mit dem Bräutigam und zuletzt wilden Rock´n´Roll mit Sylvie. An den hinteren Tischen saß noch der eine oder andere, meist mit hängendem Kopf und verdaute nicht nur den Inhalt des Bembels des Todes, sondern auch noch den darauffolgenden Bembel Deluxe. Der war allerdings anstatt mit Apfelwein mit Whiskey und Cola gefüllt gewesen. Der Brautvater saß ebenfalls auf seinem Stuhl und schien zu schlafen. Endlich verabschiedeten sich Nadeshda und Sylvie voneinander. Nadeshda kam auf Frederic zu und ihre Freundin ging hinüber zu ihrem Vater. Gerade als Feuerbach aufstand, erfüllte ein gellender Schrei den Raum. Die Braut stand vor ihrem Vater, hielt die Hände vors Gesicht und heulte hemmungslos.
Unterzuckerung
Hammelschneider war tot. Gestorben, nachdem er aufgrund einer schweren Unterzuckerung ins Koma gefallen war, so die Einschätzung des Notarzts.
Frederic glaubte nicht an einen Unfall. Hatte er doch gesehen, wie Bräutigam und Schwiegervater gemeinsam den Raum verlassen hatten, und als danach Hammelschneider wieder hereingekommen war, sah er nicht nur schlecht aus, sondern setzte sich direkt auf seinen Stuhl und schlief sofort ein. In Erinnerung an das schwarze Nylon-Etui warf er Kommissar Fischer aus dem Bett und schilderte ihm seinen Verdacht.
Zwei Tage später, nach Fischers Ermittlungen, stand fest, dass Sören seinem Schwiegervater eine Überdosis Insulin gespritzt hatte. Zusammen mit dem zuvor reichlich verabreichten Alkohol war genau das eingetreten, was Sören geplant hatte. Er konnte einfach nicht Hammelschneiders natürliches Ableben abwarten, um an das Millionenerbe seiner Frau zu gelangen. Pech für ihn, dass Nadeshda Feuerbach mitgebracht hatte.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 18.06.2015, Seite 20

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