Viertelkrimi 28 Das Ende

Ein Detektiv will nur noch schreiben…

„Wir wissen nicht, ob Herr Feuerbach diese Nacht überlebt“, sagte der Arzt, gab Clara Lund die Hand und fuhr mit leiser Stimme fort: „Tut mir leid.“ „Ich verließ nach dem allmorgendlichen Frühstück das Café Klatsch. Die ersten Strahlen der aufziehenden Frühlingssonne zwängten sich durch die noch kahlen Äste der Bäume in der Eltviller Straße und wärmten mein Gesicht…“ Clara hört auf zu lesen und legt das Manuskript beiseite. Ihre Gedanken schweifen ab.

Fälle in Wiesbaden

Frederic Feuerbach, der Detektiv aus Leidenschaft, ist vor mehr als drei Jahren nach Wiesbaden zurückgekehrt, um sich wieder als privater Ermittler zu betätigen. Über 25 Fälle hat er seitdem gelöst. Meist gemeinsam mit Nadeshda, die er bei seinem ersten Auftrag, dem „Domschatz im Denkmal“, kennenlernte.

Und Clara Lund selbst, die Lehrerin, die vor vielen Jahren von Dänemark nach Wiesbaden gekommen war? Sie hat sich bei seinem letzten Fall in ihn verliebt. Viele glückliche Stunden verbrachten sie zusammen, lebten fröhlich und ausgelassen in den Tag hinein. Wie zwei pubertierende Teenager, gesteht sich Carla ein. Eigentlich war alles gut gewesen. Eigentlich! Wenn nicht Clara Frederic mit zu einer Lesung ins Literaturhaus genommen hätte.

Wiedersehensfreude

Der berühmte dänische Bestsellerautor Henrik Nielsen wollte seinen neuen Roman vorstellen. Auf dem Spaziergang vom Rheingauviertel zur Villa Clementine eröffnete sie Feuerbach, Henrik sei ihr Cousin. „Ich freue mich riesig, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen“, strahlte sie und hakte sich bei Frederic unter. Aber der Abend verlief anders als geplant.

Der Autor nahm auf der kleinen Bühne Platz. Plötzlich wurde die Flügeltür aufgerissen und ein Mann, der eine Sturmhaube über den Kopf gezogen hatte, stürmte mit vorgehaltener Waffe in den Raum. Wie in Zeitlupe nahm sie wahr, wie Nielsen die Augen aufriss, wie der Maskierte den Finger am Abzug krümmte, wie Feuerbach reflexartig aufsprang, wie er nach vorne stürzte, wie sich im selben Augenblick, als der Detektiv gegen den Attentäter prallte, mit einem ohrenbetäubenden Knall der Schuss löste, wie das Geschoss seinen Oberkörper durchschlug und ihn zu Boden riss. Blutend brach Frederic zusammen und verlor das Bewusstsein.

Der Attentäter war danach von mutigen Besuchern der Veranstaltung überwältigt worden. Es stellte sich heraus, dass der aus Kopenhagen stammende Mann schon zweimal wegen Stalkings vorbestraft war. Zuletzt wurde er zwar als psychisch gestört, aber als nicht gewalttätig begutachtet.

Mehrfach bezeichnete er sich selbst als Dänemarks bester Krimiautor, aber niemand hatte sich für seine Texte interessiert. In seinem Wahn bildete er sich ein, wenn Nielsen tot wäre, würden die Chancen anerkannt zu werden, für ihn erheblich steigen.

Ein Detektiv
Mordversuche

Er folgte dem Autor nach Wiesbaden und beschloss, ihn zu liquidieren. Nachdem dies recherchiert war, konnten auch die beiden glimpflich verlaufenen Unfälle Henrik Nielsens in Dänemark rekonstruiert und als dilettantische Mordversuche dem Attentäter zugeschrieben werden. Das alles hatte Hauptkommissar Fischer Clara erzählt, als er gestern seinen Freund Frederic im Krankenhaus besuchte.

Als Nadeshda und ihr Freund Manuel von dem Anschlag erfuhren, waren sie sofort aus Berlin angereist.

„Was ist los, Clara?“, hört sie ihren Cousin rufen. In die Gegenwart zurückgerissen, griff sie nach dem Manuskript.

Eine Woche lang kämpften die Ärzte um Feuerbachs Leben. Eine weitere brauchte er, um einigermaßen fit zu werden, und noch viele Tage, bis er endlich die Klinik verlassen durfte. Die gesamte Zeit über hatte sich Clara um ihn gekümmert und war nie von seiner Seite gewichen.

Vom Krankenhaus aus waren sie direkt in Claras Wohnung in Nordenstadt gefahren. Dort hatte ihn Henrik Nielsen erwartet, der extra erneut aus Kopenhagen angereist war, um dem Lebensretter zu danken.

„Ohne dich wäre ich mausetot“, hatte ihn der Autor begrüßt und heftig umarmt. Da Henriks Vorfahren aus Hessen stammten, konnte er einigermaßen Deutsch sprechen, wenn auch holprig.

Es war eine lange und intensive Nacht geworden. Es gab viel zu erzählen. Als Clara um Mitternacht das Handtuch geworfen und sich schlafen gelegt hatte, waren die beiden Männer längst noch nicht bereit, ihre Unterhaltung abzubrechen. Besonders Frederic redete ohne Unterlass, sprach von seiner Todesangst, von dem Plan, einfach alles hinzuwerfen, und erzählte ausführlich von den Fällen der vergangenen Jahre.

Als Clara am nächsten Tag aufstand, zugegebener Maßen ziemlich spät, war sie verschlafen durch ihre Wohnung geschlichen. Im Arbeitszimmer hatte Frederic gesessen und auf ihrem PC herumgetippt. „Was ist?“, fragte sie und umarmte ihn von hinten. Feuerbach schreckte hoch. „Ach…ja…äh…, ich schreibe.“ „Was?“ „Krimis.“ „Nee, oder?“

„Doch. Henrik hat gesagt, ich müsste meine Erlebnisse unbedingt zu Papier bringen, und zwar nicht als Biografie, sondern als spannende Geschichten. Außerdem wäre das eine gute Möglichkeit, das Trauma aus dem Literaturhaus zu verarbeiten. Denn mit der Detektivspielerei ist es vorbei. So oder so.“ „Kannst du das denn?“ „Keine Ahnung. Henrik hat gesagt, er hilft mir, mit Tipps und so. Außerdem…“ Clara hebt das Manuskript hoch, liest aber nicht weiter.

Fiktionaler Detektiv

Ihr gegenüber sitzen Nadeshda, Manuel, Kommissar Fischer und Feuerbach. Sie geht zu Frederic hinüber, überreicht ihm die Blätter und sagt: „Jetzt kannst du es ja verkünden.“ „Liebe Freunde, geliebte Clara. Ich war heute Morgen auf der Frankfurter Buchmesse. Henrik hatte mir einen Termin mit der Verlegerin Elka Vrowenstein vom Wiesbadener Brücken Verlag vermittelt. Und…“, Frederic macht eine Pause und strahlt in die Runde, „…sie wird meine Geschichten veröffentlichen. Ab jetzt bin ich nur noch ein fiktionaler Detektiv.“

 

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 12.10.2015, Seite 20

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Viertelkrimi 27 Bierstadt

Eine Lehrerin, ihr Schüler und der Wodka

Mit 1,8 Promille Auto in Bierstadt zu Schrott gefahren / „Ich kann mich nicht erinnern“

Frederic Feuerbach verlässt seine Wohnung, steigt das Treppenhaus hinab und tritt hinaus auf den Fußweg der Marcobrunnerstraße. Es scheint, wieder ein heißer Tag zu werden. Schon jetzt flirrt die Luft über den unbeschatteten Flächen. Als er am Nachbarhaus vorbeikommt, bleibt er versonnen stehen. Drei Jahre ist es nun her, denkt er, als hier Nadeshdas Großvater ermordet wurde.

Über 25 Fälle gelöst

Wo war die Zeit geblieben? Gemeinsam haben Nadeshda und ich über 25 Fälle gelöst, haben die eine oder andere gefährliche Situation glimpflich überstanden. Nadeshda!, denkt er, hier hat unsere Freundschaft angefangen, eine Vertrautheit, die so offen und ehrlich ist, wie ich sie bis dahin noch nie erlebt habe. Wer behauptet, dass echte Freundschaft zwischen Mann und Frau nicht möglich sei, der täuscht sich. Und gestern Abend hat sie ihm eröffnet, dass sie zusammen mit Manuel nach Berlin ziehen wird. Schon nächsten Monat. Du wirst sentimental, stellt er fest und geht weiter Richtung Café Klatsch, um einerseits zu frühstücken und andererseits eine neue Mandantin zu treffen.

Begegnung mit Clara Lund

Viertelkrimi 27 Bierstadt
Viertelkrimi 27 Bierstadt

Gerade als er das letzte Stück Croissant in den Mund schiebt, betritt eine etwa 40-jährige, sehr attraktive Frau das Café und schaut sich um. Der Detektiv starrt sie fasziniert an. Ob das Clara Lund ist? Er winkt zurückhaltend, sie kommt zu ihm. „Herr Feuerbach?“ Frederic reicht ihr die Hand, sie setzt sich. Schon bald beginnt sie zu erzählen.

„Ich bin Lehrerin an der Theodor-Fliedner-Schule in Bierstadt und angeklagt, ein Auto gestohlen und unter Alkoholeinfluss zu Schrott gefahren zu haben. Dabei habe ich das alles nicht gemacht. Ich kann mich weder erinnern, wie ich in dieses Auto gekommen bin, noch wann und wie ich so viel Alkohol getrunken haben soll. Fakt ist, man hat mich am Steuer des Wagens von Ralph Pfeiffer gefunden, der zuvor vom Lehrerparkplatz der Schule gestohlen wurde. Das Auto war gegen den Turm der Bierstadter Warte geknallt und heftig beschädigt worden. Als man es fand, saß ich angeschnallt und ohnmächtig auf dem Fahrersitz. Die Blutprobe ergab 1,8 Promille. Für die Polizei war die Sache klar. Ich kann mich lediglich daran erinnern, meine Wohnung verlassen zu haben und im Treppenhaus gestürzt zu sein. Dann hat man mich im Auto geweckt. Die blauen Flecken wären durch den Unfall entstanden.“

Spuren gesichert?

„Einen Moment“, unterbrach sie der Detektiv. „Wurden Untersuchungen am Unfallort vorgenommen, Spuren gesichert?“ „Soweit ich weiß, war nur die Verkehrspolizei vor Ort, hat Fotos gemacht und ein Protokoll verfasst. Davon habe ich nichts mitbekommen. Ich war ja ziemlich betrunken. Mein Rechtsanwalt hat die Akten eingesehen und bewertet sie als sehr lückenhaft. Allerdings…“, Clara Lund hält inne, bevor sie mit belegter Stimme fortfährt, „…meint der Staatsanwalt, genug Indizien für eine Anklage zu haben.“ „Und die sind?“ „Motiv und Gelegenheit.“ Wieder stockt sie.

„Ja?“ „Na gut. Ich hatte eine Affäre mit einem unserer Schüler, Frank Müller. Er war bereits 18 und kurz vor dem Abitur. Ralph Pfeiffer hat davon Wind bekommen und es der Schulleitung gemeldet. Woraufhin ich suspendiert und Müller auf eine andere Schule geschickt wurde. Ich hatte da das Verhältnis schon beendet, aber Frank wollte das nicht akzeptieren und lauerte mir regelrecht auf.“ „Und die Gelegenheit?“ „Ich hatte den Schlüssel für Pfeiffers Auto.“ „Warum?“ „Ich hatte ihn nicht zurückzugeben. Ach so, habe vergessen zu erwähnen: Ralph Pfeiffer und ich waren bis vor einem Jahr verheiratet.“ Eine Stunde nach diesem Gespräch tuckert Frederic mit der Ente die Bierstadter Straße hinauf, um auf der Höhe rechts in die Wartestraße einzubiegen. Auf einer grünen Rasenfläche, von alten Bäumen umgeben ragt der zylindrische Turm mehr als zehn Meter auf. Im 15. Jahrhundert erbaut, um von hier aus das Gebiet um Mainz zu beobachten, ist er heute im Ortswappen zu sehen.

Glitzern in der Sonne

Feuerbach schlendert durch den kleinen Park und hält Ausschau. Wonach, weiß er selbst nicht. Da die Polizei von einem Unfall ausging, hatte sie die Gegend um den Turm herum wohl wenig in Augenschein genommen. Unwahrscheinlich, dass nach einem Monat noch Spuren zu finden waren. Eher aus dem Bedürfnis, alles versucht zu haben, geht der Detektiv die Hecke ab, die das Grundstück umgrenzt. Vor ihm glitzert etwas im Sonnenlicht. Er hebt es auf. Eine Glasscherbe. Von einer Flasche. Er wirft sie zurück. Weiter vorne noch eine Scherbe. Ein wenig größer als das erste Teil. Ein Fetzen des Etiketts hängt noch daran. Als er das dritte Stück findet, erwacht sein Ermittlerinstinkt und er beginnt, die Scherben einzusammeln. Am Ende sind es so viele, dass er beschließt, Kommissar Fischer aufzusuchen.

Drei Tage später, wieder in Frederics Lieblingscafé, wieder mit Clara Lund. Nadeshda ist auch gekommen. „Wie es aussieht“, beginnt Feuerbach, „hat Frank Müller Sie im Treppenhaus zum Sturz gebracht, Sie betäubt und in seinen Wagen verfrachtet. Mit Ihrem Hausschlüssel ist er in die Wohnung und hat sich den Autoschlüssel geholt…“ „Frank?“, unterbricht ihn Clara Lund, „glaube ich nicht… allerdings, den vergessenen Schlüssel hatte ich irgendwann erwähnt…“

„Jedenfalls hat er dann die Fahrzeuge getauscht und Sie in den Pkw Ihres Ex gelegt. Oben am Turm hat er Ihnen Wodka eingeflößt, den Wagen gegen den Turm gefahren und Sie hinters Steuer bugsiert. Bei dem Aufprall ist die Flasche zerbrochen. Müller hat die Scherben in der Hecke entsorgt und sich davon gemacht.“ „Woher wissen Sie das?“ „Auf den Resten der Wodkaflasche konnte Kommissar Fischer Müllers Fingerabdrücke sicherstellen und mit denen vergleichen, die ihm Nadeshda gebrachte hatte.“ „Er war überhaupt sehr gesprächig, der Frankieboy. Nachdem ich mit ihm durch mehrere Kneipen gezogen war. Dem Pfeiffer hätte er es gezeigt und der Frau, die seine Liebe verschmähe, ebenfalls.“

Nadeshda stoppt, schaut Frederic an, der scheinbar nur Augen für Clara Lund hat.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 12.08.2015, Seite 20

Viertelkrimi 25 Naurod

Der Brautvater und der „Bembel des Todes“

Auf der grünen Wiese stand die Bank, auf der das Brautpaar Platz genommen hatte. Im Hintergrund ragte, neben dem mit Efeu bewachsenen Gebäude des Berggasthofs, der 20 Meter hohe Turm des Kellerskopfs bis hinauf in den siebten Himmel. Glücklich lächelte die Braut und Tochter des Großunternehmers Hammelschneider in die blitzenden und klickenden Fotoapparate und Smartphones. Der Bräutigam saß aufrecht, blickte stolz umher und hatte den Arm einnehmend um seine Angetraute gelegt. Nach der Fotosession begab sich die Gesellschaft hinauf zum Gasthof.

Viertelkrimi 26 Naurod
Frederic Feuerbach und Nadeshda befanden sich am Ende der Schlange. „Danke, dass du mitgekommen bist. Alleine wollte ich nicht gehen. Außer der Braut kenne ich ja niemanden.“ „Ich weiß, dass ich der Lückenbüßer für Manuel bin“, entgegnete Frederic. „Wenn auch die meisten hier ziemliche Schickimicki-Typen sind, so war die Torte nicht zu verachten. Und auf den extra für diesen Anlass gekelterten Apfelwein bin ich wirklich gespannt.“
Oberbürgermeister kommt
Als alle sich im festlich geschmückten Speisesaal versammelt hatten, klopfte der Brautvater an sein Champagnerglas und begrüßte die Gäste. Besonders erfreut zeigte er sich, dass der Wiesbadener Oberbürgermeister vorbeigekommen war. Er kam direkt von der Eröffnungsfeier des diesjährigen Äppelblütefests in Naurod.
„Woher kennst du überhaupt die Braut?“, fragte Feuerbach. „Ach, Sylvie und ich haben uns in der Uni angefreundet. Sie hat schon vor einem Jahr das Studium abgeschlossen und ist jetzt im Management von Papas Firma. Als einziges Kind hatte sie kaum eine Wahl. Sie wird irgendwann das gesamte Vermögen erben, inklusive Unternehmen.“
Die Feier nahm ihren Verlauf, Tischreden wurden gehalten, vor und nach dem Essen, und ein Trio spielte zum Tanz auf. Gegen Mitternacht ging plötzlich das Licht aus, lediglich in der Mitte der Tanzfläche verblieb ein Lichtkegel. Feierlich trat der Bräutigam Sören Müller in den hellen Kreis.
Mit beiden Händen hielt er einen überdimensionierten Apfelweinbembel. Er hob das Gefäß hoch: „Liebe Gäste, verehrter Schwiegervater. Das ist der berüchtigte Bembel des Todes. Er fasst acht Liter. Normalerweise wird er mit einem Rum-Cola-Mix gefüllt und geext, wie das in der Fachsprache heißt. Da aber, lieber Schwiegerpapa, ich deine Vorliebe für das Nauroder ,Stöffche´ kenne, habe ich ihn mit unserem köstlichen Apfelwein befüllt. Ich bitte dich nun, deinem Schwiegersohn, der ich ja seit heute bin, beim Exen zu helfen.“
Nachdem es zunächst sehr still im Raum geworden war, erhob sich allgemeines Gemurmel. Alle Augen richteten sich auf Hammelschneider. Seine Tochter versuchte, ihn zurückzuhalten. Als er dennoch aufstand, eilte sie hinüber zu ihrem Ehemann. Sie zischte ihm etwas ins Ohr, dieser schüttelte nur den Kopf und ging seinem Schwiegervater zwei Schritte entgegen. Sylvie rollte die Augen und ließ sich auf einen freien Stuhl neben Nadeshda nieder.
Männerspielchen
„So ein Wahnsinn“, sagte sie ziemlich wütend. „Scheiß Männerspielchen. Papa weiß genau, dass er nicht so viel Alkohol trinken soll. Mit seinem Diabetes ist nicht zu spaßen.“ Die beiden Männer standen sich gegenüber, Schaulustige hatten sich um sie herum gruppiert. Sören führte den Bembel zum Mund und trank einen gehörigen Schluck. Apfelwein lief ihm seitlich aus dem Mund und tropfte auf den Hemdkragen. Dann reichte er Hammelschneider das Gefäß.
Dieser setzte an und stand seinem Schwiegersohn in nichts nach. Als der Krug dreimal hin und her gegangen war, schritt Sylvie ein. Sie ergriff den Bembel und überreichte ihn einem jungen Mann, der ihr am nächsten stand.
Sören wollte protestieren, überlegte es sich aber anders, fasste die Braut unter und wirbelte sie im Kreis herum. Dabei fiel ihm ein schwarzes Nylon-Etui aus der Jacketttasche und blieb direkt vor Frederics Füßen liegen. Feuerbach hob es auf. Der Reißverschluss war zur Hälfte geöffnet und Frederic erkannte einen nach oben sich verdickenden Stift. Schon griff Sören hastig danach und steckte das Täschchen wieder ein.
Gegen drei Uhr in der Frühe hatten die meisten Gäste das Fest verlassen. Feuerbach döste auf dem Stuhl und verfluchte sich innerlich, zu viel Apfelwein getrunken zu haben und damit auf Nadeshda als Fahrerin angewiesen zu sein. Sie schien überhaupt nicht müde zu werden. Erst hatte sie ewig lange getanzt, mit dem Bräutigam und zuletzt wilden Rock´n´Roll mit Sylvie. An den hinteren Tischen saß noch der eine oder andere, meist mit hängendem Kopf und verdaute nicht nur den Inhalt des Bembels des Todes, sondern auch noch den darauffolgenden Bembel Deluxe. Der war allerdings anstatt mit Apfelwein mit Whiskey und Cola gefüllt gewesen. Der Brautvater saß ebenfalls auf seinem Stuhl und schien zu schlafen. Endlich verabschiedeten sich Nadeshda und Sylvie voneinander. Nadeshda kam auf Frederic zu und ihre Freundin ging hinüber zu ihrem Vater. Gerade als Feuerbach aufstand, erfüllte ein gellender Schrei den Raum. Die Braut stand vor ihrem Vater, hielt die Hände vors Gesicht und heulte hemmungslos.
Unterzuckerung
Hammelschneider war tot. Gestorben, nachdem er aufgrund einer schweren Unterzuckerung ins Koma gefallen war, so die Einschätzung des Notarzts.
Frederic glaubte nicht an einen Unfall. Hatte er doch gesehen, wie Bräutigam und Schwiegervater gemeinsam den Raum verlassen hatten, und als danach Hammelschneider wieder hereingekommen war, sah er nicht nur schlecht aus, sondern setzte sich direkt auf seinen Stuhl und schlief sofort ein. In Erinnerung an das schwarze Nylon-Etui warf er Kommissar Fischer aus dem Bett und schilderte ihm seinen Verdacht.
Zwei Tage später, nach Fischers Ermittlungen, stand fest, dass Sören seinem Schwiegervater eine Überdosis Insulin gespritzt hatte. Zusammen mit dem zuvor reichlich verabreichten Alkohol war genau das eingetreten, was Sören geplant hatte. Er konnte einfach nicht Hammelschneiders natürliches Ableben abwarten, um an das Millionenerbe seiner Frau zu gelangen. Pech für ihn, dass Nadeshda Feuerbach mitgebracht hatte.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 18.06.2015, Seite 20

Viertelkrimi 24 Schiersteiner Brücke

Leichenfund auf der Schiersteiner Brücke

Ein heftiger Wortwechsel, hysterisch hervorgestoßene Beleidigungen und unverhohlene Drohungen durchdringen das Zimmer in der Schiersteiner Appartementwohnung. Dann stürmt die nackte Frau auf den großen, korpulenten Mann zu, stößt mit beiden Händen gegen seine Brust, der stolpert, gerät ins Straucheln, stürzt und knallt mit dem Kopf auf die Ecke des Marmortischs.

Leichenfund
Vereinsamte Straße
Dem schmächtigen Wiesbadener Stadtverordneten rinnt der Schweiß in Strömen. Vorsichtig und sich im Dunkeln bewegend, bugsiert er sein einrädriges Gefährt über die vereinsamte Straße. Kaum kann er die Balance halten, kaum das große Gewicht vorwärtsbewegen. Ängstlich schaut er sich um. Bislang ist niemand zu sehen. Noch 100 Meter zu der Stelle, die er sich ausgesucht hat, dann die Ladung über das Geländer hieven und schnell und unerkannt verschwinden.
Der Arbeiter Paul Eberhard fährt mit dem großen Bagger langsam über die gesperrte Schiersteiner Brücke in Richtung Baustelle. Rechts unter der Schilderbrücke sieht er etwas liegen. Neugierig hält er an, steigt ab und erstarrt. Zu seinen Füßen liegt, neben einer umgestürzten Schubkarre, ein nackter Mann. Tot.
Aufgrund der Einsturzgefahr durften lediglich der Leichenwagen und je ein Einsatzfahrzeug der Mainzer und der Wiesbadener Polizei bis zur Fundstelle fahren. Alle anderen waren gezwungen, ihre Autos vor den Absperrungen abzustellen und den Rest des Weges zu Fuß zurückzulegen. Besonders die Leute der Spurensicherung stöhnten, da sie ihre Koffer, Taschen und Stative schleppen mussten. „Völlig übertrieben“, maulte der Mainzer Kommissar Hubert Fichte und sein Wiesbadener Pendant Klaus Fischer stimmte ihm zu. Das war die einzige Gemeinsamkeit der beiden. Ansonsten stritten sie sich heftig über die Zuständigkeit.
Die Leiche lag exakt auf der Grenze zwischen Mainz und Wiesbaden oder, um es eine Nummer größer zu machen, zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz. Die untere Hälfte, ab den Beckenknochen, lag eindeutig auf Mainzer Gebiet. Der Rest in Wiesbaden. „Lassen Sie uns erst einmal hören, was die Spurensicherung zu sagen hat, dann sollen die Chefs entscheiden, wer den Fall bearbeitet“, meinte Fischer gereizt. Den Kollegen von der anderen Seite konnte er noch nie leiden. Die Spusi hatte weniger Kompetenzprobleme.
Fundort ist nicht Tatort
Beide Leiter traten vor die Kommissare und berichteten abwechselnd: „Fundort nicht Tatort.“ „Männlich, etwa 60 Jahre, übergewichtig. Am Mainzer Teil keine Verletzungen.“ „Am Wiesbadener Teil heftige Kopfverletzung, sicherlich die Todesursache.“ „Keine Kleidung, Papiere oder Ähnliches. Identifizierung: Fehlanzeige.“ „Aber ich weiß, wer das ist“, meldete sich eine junge Beamtin. „Wer?“, kam es wie aus einem Munde. „Bernd Schimkovsky, Ortsbeirat einer der drei AKK-Orte, von welchem weiß ich nicht. Ich glaube, er ist auch Vorsitzender der MzWi.“
Chaos im Rhein-Main-Gebiet
„Entschuldige, Frederic. Aber ich habe über eine Stunde auf der Theodor-Heuss-Brücke gestanden. Da ging gar nichts. Irgendwo ein Unfall, und das gesamte Rhein-Main-Gebiet versinkt im Chaos.“ Nadeshda ließ sich genervt auf Feuerbachs Sofa plumpsen. „Was gibt es?“ Der Detektiv erzählte ihr von dem Leichenfund auf der Schiersteiner Brücke und das, was er vom völlig frustrierten Kommissar Fischer erfahren hatte. Da es sich bei dem Toten um einen Lokalpolitiker handele, der zudem noch Vorsitzender der Partei für die „Wiedervereinigung von Mainz und AKK“ sei, wurden zunächst die Landeskriminalämter eingeschaltet. Da die sich ebenfalls nicht über die Zuständigkeiten einigen konnten, läge die Sache jetzt beim BKA.
„Und vor zwei Stunden“, fuhr Frederic fort, „stand plötzlich ein Wiesbadener Stadtverordneter in meinem Büro. Er beauftragte mich, eine Studentin aus Mainz ausfindig zu machen. Sie verdient sich ihr Studium als Callgirl unter dem Namen Daisy. Da du doch da drüben studierst, dachte ich, du kannst mir bei der Suche helfen.“ „Hat er einen Grund genannt, warum du die Dame finden sollst?“
Erhitzte Wortgefechte
„Da hielt er sich bedeckt. Allerdings habe ich bei meinen Recherchen Folgendes herausgefunden: Der Tote auf der Brücke und mein Mandant führten seit geraumer Zeit erhitzte Wortgefechte bezüglich des Haushalts-Etats von AKK und der Frage der Plätze an Mainzer Gymnasien für Schüler aus diesen Vororten. Fakt ist, die zwei sind in der Öffentlichkeit heftig aufeinander losgegangen. Nun ist einer der beiden tot, liegt genau auf der Grenze zwischen Mainz und Wiesbaden und der andere sucht ein Callgirl.“
„Das hat Gschmäckle, wie der Schwabe sagt“, grinste Nadeshda, stand auf und meinte: „Auf zur nächsten Weltreise. Ich glaube, diesmal lasse ich mich mit der Fähre von Walluf aus ins feindliche Gebiet übersetzen.“
Nadeshda hatte Glück und fand die Frau bereits nach zwei Tagen. Noch am selben Abend kam es zu einem Treffen zwischen dem Stadtverordneten, Daisy und den zwei privaten Ermittlern. Zunächst schwieg die Studentin beharrlich.
Als aber Frederic das BKA erwähnte, erzählte sie. Sie sei regelmäßig von den beiden Männern ins Schiersteiner Appartement bestellt worden und es sei stets in harmonischer Dreisamkeit verlaufen. Beim letzten Mal sei es wegen Geld zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen und das Unglück geschehen. „Ich geriet in Panik“, fuhr der Stadtverordnete fort. „Wer hätte mir geglaubt, dass es ein Unfall war? Ich zusammen mit meinem ärgsten Widersacher im Streit um AKK bei Sexspielen! Dabei waren Bernd und ich schon immer befreundet und haben nur auf der politischen Bühne gestritten. Wir beschlossen, seine Leiche verschwinden zu lassen, in den Rhein zu werfen. Gemeinsam mit Daisy schleppte ich Bernd auf die Brücke. Irgendwo stand eine Schubkarre herum. Ich habe Daisy dann fortgeschickt…“ „…und entschieden sich dann, den Toten mitten auf der Stadt- und Landesgrenze zu platzieren?“, hakte Frederic ein. Der Politiker schluckte. „Bernd war zu schwer. Die Karre ist mir umgekippt und er ist rausgefallen. Als dann auf der Mombacher Seite Lichter angingen, bin ich abgehauen. Dass er so lag, wie er gefunden wurde, war reiner Zufall.“

Wiesbadener Kurier Rheingau vom 28.03.2015, Seite 34

Viertelkrimi 23 Klarenthal

Eine Auftraggeberin verschwindet…

Sie zog den Lidstrich nach, tuschte ihre Wimpern, trug matt-roten Lippenstift auf und presste die Lippen aufeinander, um die Farbe gleichmäßig zu verteilen. Dann sprühte sie einen Hauch des unbeschreiblich teuren Parfüms in den Ausschnitt. Sie drehte sich vor dem Spiegel, begutachtete ihr Aussehen, strich den eng ansitzenden Minirock glatt und übte ihr verführerisches Lächeln. Sie zog den eleganten roten Swingermantel über und nahm die kleine rote Handtasche vom Regal. Dann verließ sie die im 14. Stockwerk des Hochhauses in der Hermann-Brill-Straße gelegene Zweizimmerwohnung. Das Taxi wartete schon.

Am nächsten Morgen gegen drei Uhr kam sie zurück und zog sich um. Nachdem sie ihre „Abendgarderobe“ aus-, Jeans, Sweatshirt und den bei Tchibo gekauften Regenmantel angezogen hatte, verließ sie erneut die Wohnung. Mit dem Aufzug fuhr sie nach unten und trat hinaus ins Freie. Es nieselte. Kein Mensch war auf der Straße. Sie zog die Kapuze über den Kopf und ging Richtung Graf-von-Galen-Straße, um von dort aus in die Goerdelerstraße einzubiegen. In Höhe des Klosterwegs meinte sie, Schritte hinter sich zu vernehmen. Sie lauschte. Hörte nichts, drehte sich um, sah nichts. Ging weiter, als ein mit voller Wucht geschlagenes Eisenrohr ihren Schädel zertrümmerte.

Im Polizeipräsidium saß Feuerbach kreidebleich Kriminalhauptkommissar Fischer gegenüber. „Ich kam zu spät. Der Mann sprang plötzlich hinter einem Auto hervor, schlug zu und rannte weg. Ich war vielleicht 50 Meter entfernt. Bin sofort hingespurtet. Wollte der Frau helfen und habe gleichzeitig Polizei und Krankenwagen gerufen. Sie war schon tot. Vom Täter keine Spur. Verdammter Mist! Ich konnte das doch nicht ahnen. Ich sollte sie doch nur überwachen.“

Fischer schlug eine Akte auf. „Sie heißt Bettina Maurer, ist Hausfrau, verheiratet und hat zwei Kinder. Ihre Wohnung befindet sich ganz in der Nähe des Tatorts, in der Goerdelerstraße 35. Nach Aussage des Manns hatte sie sich mit Freundinnen getroffen, was sie regelmäßig ein- bis zweimal die Woche machte. Warum hast du sie beschattet?“

Arbeit für den Escort-Service

„Das ist nicht so einfach. Zunächst einmal sei gesagt, dass sie sich keineswegs mit Freundinnen traf, sondern mit Männern. Sie arbeitete für einen Luxus-Escort-Service und besserte damit ihr Haushaltsgeld beträchtlich auf. Immerhin ist ihr Mann seit drei Jahren arbeitslos…“ „Hat der Mann dich beauftragt?“, unterbrach ihn der Kommissar. „Nein, der weiß nichts von ihrem Nebenjob, soweit ich das beurteilen kann. Aber dieser Escort-Service wird von einer Frau geführt. Frauen wie Frau Maurer arbeiten für sie. Vor einer Woche kam die Chefin zu mir und beauftragte mich, unser Mordopfer zu beschatten. Sie vermutete, die Maurer würde mit den Kunden privat Termine ausmachen, ohne Vermittlung über die Agentur. Zugegeben, kein besonders schöner Auftrag, aber angesichts meiner momentanen Geldknappheit habe ich halt zugesagt. Zudem gab sie mir einen großzügigen Vorschuss.“

„Wie heißt diese Agentur und wie deine Auftraggeberin?“ „Also, du weißt doch, Mandantengeheimnis und so weiter.“ „Frederic, es handelt sich um Mord.“ „Ja. Dennoch – ich hab’s. Ich verrate dir nicht ihren Namen, aber als Freund, mal so ganz privat, sage ich dir, dass ich heute Nachmittag einen Termin habe. Im La Casa. Wenn du da zufällig vorbeikommst, könntest du ja ihre Personalien feststellen.“

In der Pizzeria war noch nicht viel los. Der Detektiv saß am Fenster, zwei Tische hinter ihm Fischer. Ungeduldig schaute Feuerbach auf seine Uhr, schüttelte den Kopf, stand auf und ging hinüber zum Kommissar. „Die kommt nicht mehr. Wir brechen ab.“ Fischer nickte, überlegte kurz und meinte dann: „Lass uns zu diesem Escort-Service fahren.“

Im noblen, mit viel Plüsch und Tand ausgestatteten Empfangszimmer kam ein etwa 30-jähriger Mann strahlend auf sie zu. „Meine Herren. Müller-Hohmann mein Name. Wie darf ich der Polizei behilflich sein?“ „Wir möchten Ihre Geschäftsführerin sprechen“, knurrte Fischer. „Da muss ich Sie leider enttäuschen, das geht nicht.“ „Warum nicht?“

„Weil es bei uns keine Geschäftsführerin gibt. Nur einen Geschäftsführer und das ist meine Wenigkeit.“ Verblüfft mischte sich Frederic ein: „Wir wollen zu Frau Hagestolz.“ „Auch damit kann ich zu meinem Bedauern nicht dienen. Eine Dame dieses Namens ist mir unbekannt.“

Polizeilich nicht erfasst

Am Computer des Polizeipräsidiums versuchte Feuerbach zusammen mit dem Polizeizeichner, ein Bild von Frau Hagestolz zu erstellen. Nach einer halben Stunde klopfte Frederic auf den Tisch: „Yes! Das ist sie. Genau.“ Recherchen beim LKA und BKA brachten allerdings keine Ergebnisse. Sie war polizeilich nicht erfasst. Auch im Melderegister war eine Frau mit diesem Namen nicht zu finden.

Frau Hagestolz hatte Frederic hinters Licht geführt, hatte ihn reingelegt. Das wollte, das konnte der Detektiv nicht auf sich sitzen lassen. Tagelang beschatteten er und Nadeshda abwechselnd den Ehemann des Mordopfers. Gleichzeitig war Nadeshdas Freund Manuel zum Hilfsdetektiv ernannte worden und hatte den Auftrag bekommen, das La Casa zu beobachten. Nach fast vier Wochen war Feuerbach am Ende seiner Weisheit und kurz davor aufzugeben. Enttäuscht saß er in Fischers Büro: „Bringt alles nichts. Ich hoffe, ihr habt mehr Glück.“ Noch bevor der Polizist antworten konnte, klingelte Frederics Telefon. Er nahm das Gespräch an und murmelte: „Manuel…“, dann stieß er laut hervor: „Wir kommen.“

Von ihrem geschützten Platz aus konnten sie die Frau gut sehen, die sich Hagestolz nannte. Sie saß bei einem Glas Rotwein, hatte eine große dunkle Brille auf und blätterte in einer Zeitschrift. „Das ist sie“, flüsterte der Detektiv. „Gut gemacht, Manuel.“ Als zehn Minuten später Herr Maurer das Lokal betrat und sich an ihren Tisch setzte, begaben sich die Ermittler an den Tisch des Pärchens und bauten sich hinter ihm auf. Die Hagestolz schaute hoch, sah Feuerbach, erbleichte und zischte ihrem Gegenüber zu: „Ich habe dir doch gesagt, dass das eine Scheiß-Idee war, sich hier zu treffen.“

 

Viertelkrimi 22 Mainz-Kastel & Kostheim

Wenn der Glühwein nach KO schmeckt …

Frederic Feuerbach umschloss den Becher und wärmte sich daran die klammen Hände. Das Duftgemisch aus gegrillter Bratwurst und heißen Maronen wurde nun vom zimtigen Glühwein überdeckt. Es war nicht frostig im Kasteler Adventsdorf auf dem Hof der Reduit. Dennoch krabbelte eine unangenehm feuchte Kälte in seine Füße und die Beine hinauf. Was man nicht so alles macht, dachte er und schaute hinüber zu Nadeshda, die enthusiastisch versuchte, einen Mann davon zu überzeugen, wie wichtig es sei, syrischen Flüchtlingen Asyl zu gewähren.
2014 12 19 Wiesbadener Kurier

Frederic schleppt Kartons
Die Wiesbadener Organisation Der Hilfe Helfen hatte auf dem Adventsmarkt eine Hütte angemietet und sie Institutionen zur Verfügung gestellt. Halbtäglich wechselten sich unterschiedliche Gruppen ab. Heute war, nach einer Schülerinitiative der Kostheimer Gesamtschule, die um Spenden für ein Waisenhaus im Kongo geworben hatte, der Arbeitskreis Proasyl gekommen, deren Mitbegründerin Nadeshda war. Sie hatte Frederic überredet, ihr beim Standdienst zu helfen. Seine Hilfe bestand im Wesentlichen darin, Verpflegung zu besorgen und Kartons zu schleppen. Das Gelände hatte sich gefüllt und die vorweihnachtliche Stimmung kam in Schwung.
Gerade wollte er am Glühwein schlürfen, als vom Eingang her eine etwa 25-jährige Frau torkelnd auf die Hütte zukam. Sie schaute sich mit tränenfeuchten Augen verwirrt um, ihre Kleidung war verschmutzt, in einer Hand hielt sie eine offenstehende Tasche. Feuerbach stellte das Getränk ab und ging ihr entgegen.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Sie starrte ihn an. „Weiß nicht“, stammelte sie und stürzte nach vorne. Er konnte sie gerade noch auffangen, führte sie vorsichtig in die Hütte und setzte sie auf einen Stuhl. Nadeshda kam hinzu. „Besoffen?“ „Ich rieche keinen Alkohol“ und an die Frau gewandt: „Wie heißen Sie?“ „Weiß nicht.“
Nadeshda ging los: „Ich hole einen Sanitäter.“ Plötzlich nahm die Frau ihre Handtasche und schüttete den Inhalt aus. Einige Sachen fielen zu Boden. Sie wühlte in den Utensilien herum. „Wo ist mein Wohnungsschlüssel? Ich muss nach…“ „Wo kommen Sie her“, versuchte Feuerbach erneut. „War da vorne am Stand“, sie deutete in alle Richtungen. „Glühwein … Bratwurst … und dann bin ich am Rheinufer aufgewacht…“ „Wie sind Sie dort hingekommen?“ „Weiß nicht. Oh mein Kopf … mir ist schlecht.“ „Haben Sie Drogen genommen?“ „Nee, oder? Einen Glühwein … dann … weiß nicht.“ Zwei Sanitäter kamen gerannt und kümmerten sich um sie. „Sie muss ins Krankenhaus“, sagte der eine und forderte eine Trage an. Frederic nahm ihn zur Seite. „Das sieht nach K.-o.-Tropfen aus. Sofort untersuchen und die Polizei informieren.“ Als sich die Schaulustigen verzogen hatten, begann der Weihnachtschor Palettis Gospelsongs vorzutragen.
Unterm Tisch liegt etwas
Feuerbach ging zurück in die Hütte und sah unter dem Tisch etwas liegen. Er bückte sich, hob es auf. Ein Ausweis. Jennifer Diehl. Kostheimer Wohnadresse. Kurz entschlossen überzeugte er Nadeshda, dass sie ohne ihn gut zurechtkäme, ließ sich den Zündschlüssel ihres Motorrollers geben und nannte ihr die Adresse. Er verließ den Adventsmarkt. Wenig später stellte Feuerbach die Vespa am Weinbrunnen ab, und schritt am Platz entlang auf ein Wohnhaus zu. Es war dunkel, die Straßenbeleuchtung eingeschaltet und hinter Fenstern blinkten bunte Lichterketten. In besagtem Haus brannte nur im Parterre Licht, das in diesem Moment ausgeschaltet wurde.
In der Wohnung darüber meinte er, einen Lichtstrahl hin und her huschen zu sehen. An der Haustür studierte er die Namensschilder. Neben dem mittleren Klingelknopf stand der gesuchte Name. Wie im richtigen Krimi öffnete sich die Haustüre, ein Mann trat heraus, grüßte Frederic und ging davon. Flugs huschte er ins Treppenhaus und schlich in den ersten Stock.
Die Tür zu Jennifers Wohnung war nur angelehnt. Auf Zehenspitzen glitt er hinein. Nichts. Kein Geräusch. „Hallo, ist da…“ Noch bevor Feuerbach die Frage beenden konnte, traf ihn etwas von hinten, ein stechender Schmerz durchzuckte seinen Kopf, und er verlor das Bewusstsein.
„Süßer die Glocken nie…“, tönte es aus dem Autoradio, während Frederic versuchte, sich zu erinnern. Wo war er und vor allem, was veranstaltete der Presslufthammer in seinem Kopf? Stimmen aus weiter Ferne. Schlafen oder aufwachen? Frederic entschied sich für Letzteres und hätte fast losgeschrien, als er direkt in die Augen von Kriminalhauptkommissar Fischer blickte.
„O du fröhliche…“
„O du fröhliche, Herr Privatdetektiv. Willkommen in der Wirklichkeit.“ Dem Polizisten war die Erleichterung anzuhören, als er fortfuhr: „Deine Alleingänge treiben dich ins Grab und mich in den Wahnsinn. Hättest du nicht fünf Minuten warten können? Ich habe mich sofort nach Nadeshdas Anruf auf die Socken gemacht. Aber wer nicht hören will, bekommt Beulen.“ Feuerbach richtete sich auf: „Alles halb so schlimm“, brummte er, woraufhin der Presslufthammer die Schlagzahl erhöhte.
Einen Eisbeutel mit der linken Hand auf den Hinterkopf drückend, die Füße hochgelegt und in der rechten ein Glas mit aufgelöster Aspirintablette, saß Feuerbach in Nadeshdas Zimmer und blickte nachdenklich zu dem Adventskranz, auf dem eine Kerze brannte. Manuel, Nadeshdas Freund, betrat den Raum, einen Suppenteller tragend: „Heiße Hühnersuppe. Ist gut gegen alles und besonders bei niedergeschlagenen Detektiven anzuwenden. Hat meine Großmutter immer gesagt. Du musst sie so heiß wie möglich essen.“ Als Frederic etwas sagen wollte, hob Nadeshda warnend den Finger: „Keine Wiederrede, keine Ausrede. Essen und Schluss.“
Nach der Suppe und einem neuen Eisbeutel erfuhr Frederic, dass ein älterer Mann mit einer Taschenlampe in der Hand Kommissar Fischer direkt in die Arme gelaufen war, als dieser unten vor der Haustüre stand. Da er sich merkwürdig benahm, hielt er ihn kurzerhand fest. Was sich als richtig erwies, denn er hatte Feuerbach niedergeschlagen und Jennifer die K.-o.-Tropfen verabreicht. „Warum?“, wollte Frederic wissen. „Ach, wie alle Jahre wieder. Ehemann betrügt Gattin mit Jüngerer. Geliebte will heiraten. Was wiederum Gatte nicht will. Geliebte setzt Gatten mit intimen Fotos unter Druck, woraufhin Gatte verräterische Fotos samt Computer vernichten will. Das Übliche eben.“

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 19.12.2014, Seite 20

Viertelkrimi 21 Auringen

Es wächst etwas in Auringen …

„Ich versuche, das Schweinchen bei der Neunmetermarke zu platzieren“, sagte der Vereinsvorsitzende, und Nadeshda unterdrückte ein Grinsen. Es war amüsant, wie die fünf Männer mit ernster Miene und voll konzentriert auf der Boulespielfläche neben dem Kindergarten standen und ebenso wie Nadeshda je zwei Metallkugeln in den Händen drehten. Stehend, den rechten Arm nach vorne bewegend, ließ Jürgen Abt das Kügelchen in Schulterhöhe los. Es flog ein paar Meter, setzte auf und rollte ein Stückchen weiter. „Naja“, kommentierte er seinen Wurf, „ging schon mal besser. Jetzt Sie, Frau Becker. Versuchen Sie, Ihre Kugel so nahe wie möglich an das Cochonnet zu legen“. „Zeig´s den Profis“, feuerte Manuel sie an. Mit legen meint er wohl werfen, überlegte Nadeshda, während sie in den Wurfkreis trat.
Wie einfach ist Boule?

Viertelkrimi Auringen

„Die Füße zusammenstellen“, wies Abt sie an. Sie gehorchte und warf. Schon beim Loslassen merkte sie, dass der Schwung zu stark war und die Kugel landete weit hinter dem Schweinchen. „Mehr Gefühl, mein Schatz“, kicherte Manuel und küsste sie auf die Wange. „Beim nächsten Mal wird´s besser.“ „Du glaubst nicht, wie so ein simples Spiel einen in den Bann ziehen kann“, erzählte Nadeshda am darauffolgenden Tag Frederic Feuerbach. „Zuerst dachte ich, das sei so eine Männer-Kinderei. Aber nach und nach hat mich dann die Pétanque-Sucht gepackt. Das musst du einfach ausprobieren.“
Frederic schaute eher kritisch auf seine Pizza, die er eben aus der Mikrowelle gezogen hatte. „Wenn ich alt bin, vielleicht. Auch ein Stück?“ „Ne, wenn ich mich vergiften will, vielleicht. Aber warum ich eigentlich gekommen bin, hat allerdings mit einem etwas anders gearteten Genussmittel zu tun. Als wir gestern Abend unsere Kügelchen warfen und wieder aufhoben, habe ich mitbekommen, wie sich der Vorsitzende des Vereins mit einem Mitspieler unterhielt, der ebenfalls in Auringen wohnt. Thema waren verdächtige Gerüche, die aus einem Haus in der Nähe des Spielplatzes kamen. Du kennst ja meine Neugier. Ich bin nach dem Spiel natürlich zu dem Haus gefahren. Es roch ziemlich stark, und weißt du wonach?“ „Du wirst es mir gleich sagen“, meinte Feuerbach mit vollem Mund. „Cannabis!“ „Echt?“ „Ich schwöre, bei meiner gepiercten Nase.“ „Welches Piercing?“ „Rein rhetorisch.“
Feuerbach wischte sich den Mund ab und lehnte sich zurück: „Bist du heute schräg drauf? Vielleicht ist das mit dem Marihuanaduft ja wahr und er ist dir direkt ins Gehirn gestiegen? Jedenfalls sollten wir uns das Haus anschauen, beziehungsweise anschnüffeln. Da es bald dunkel wird, fallen wir in dem beschaulichen Auringen wohl kaum auf.“ Über die B 455 fuhren sie auf Nadeshdas Motorroller nach Bierstadt, um von dort nach Naurod zu gelangen. Auf der Kreisstraße ging es weiter bis zum Ortseingang von Auringen. Über die Straße Alt Auringen lenkte Nadeshda ihr Fahrzeug bis zum Friedhof, bog in den Holzweg ein, wo sie auf einem der Parkplätze stehen blieb und abstieg.
„Ich denke, wir gehen den restlichen Weg zu Fuß. Ach, schau! Dort steht so eins dieser Denkmäler, die mir immer wie die Verhöhnung der Menschlichkeit vorkommen.“ „Na, na, Frau Becker. Jetzt auch noch philosophisch und sarkastisch? Es gibt Menschen, denen bedeutet so ein Mahnmal sehr viel.“ Nadeshda lief hinüber zu dem sich nach obenhin verjüngendem Steinblock. Mit der Taschenlampenfunktion ihres Handys beleuchtete sie die Inschrift auf der Vorderseite: „An dem glorreichen Feldzug 1870/71 haben theil genommen.“ „Fragt sich nur, für wen das glorreich war“, murmelte sie.
Ein Wagen wird beladen
Sie gingen weiter und kamen bald an dem Haus an, das Nadeshda beschrieben hatte. Es entpuppte sich als ein stattliches Zweifamilienhaus, in dem kein Licht brannte. Vor dem Eingang parkte ein Kleintransporter, die hinteren Klapptüren standen offen. In dem Moment, als die beiden näher herangehen wollten, kam ein Mann aus dem unbeleuchteten Hauseingang. Er trug etwas mit beiden Händen und brachte es zum Wagen. Schnell zog Frederic Nadeshda nach unten. Sie versteckten sich hinter einem geparkten Fahrzeug.
„Du hast Recht“, flüsterte der Detektiv. „Ich kann es bis hierher riechen. Was der Typ da trägt, sieht verdammt nach einer Pflanze aus.“ „Was machen wir?“ „Ich rufe Hauptkommissar Fischer an. Soll der entscheiden.“ Als Frederic Verbindung hatte, gab er durch, was sie sahen und rochen. „Wir sollen hier bleiben und beobachten. Er schickt einen Streifenwagen.“ Mittlerweile hatte der Mann seine Pflanze abgestellt, die Hecktüren verriegelt, und stieg in die Fahrerkabine ein.
„Der haut ab!“, stieß Nadeshda hervor und sprang auf, bevor Feuerbach reagieren konnte. Sie ging auf den Transporter zu. Mit der Hand hinterm Rücken deutete sie Frederic, zurückzubleiben. Er zögerte und sah, wie Nadeshda gegen die Seitenscheibe des Wagens klopfte. Das Fenster öffnete sich einen Spalt.
„Hey, kannst du mir sagen, ob es hier ´ne Taxalette gibt? Ich will dich ja nicht eintexten, kenn´ mich hier aber null aus. Eigentlich wollte ich in die City trampen. Aber in diesem abgedrehten Nest ist ja nicht mal eine Alugurke unterwegs…“ Nadeshda plapperte ohne Pause weiter. Doch als der Typ sie aufforderte einzusteigen, stürmte Feuerbach los. In diesem Moment gab es im Haus eine Detonation, Fensterscheiben barsten und Splitter flogen bis auf die Straße. Gleichzeitig loderten Flammen auf, der Motor startete und der Transporter schoss mit quietschenden Reifen davon.
Wunderschöne Pflanzen
Eine Stunde später leuchtete Auringen in blau rotierendem Signallicht und blendenden Suchscheinwerfern. Das Feuer war gelöscht. „Wir konnten ihn kurz vor der Autobahn stoppen. Die Kiste war von oben bis unten voll mit wunderschönen grünen Pflanzen“, berichtete Fischer zufrieden. „Soweit die Brandermittler schon etwas sagen können, war das Haus eine einzige Marihuana-Plantage. Das Feuer wurde gelegt. Wir haben an zwei Stellen Brandbeschleuniger gefunden. Vermutlich war es den Betreibern des Gewächshauses im wahrsten Sinne zu heiß geworden und sie wollten alle Spuren vernichten, nach dem sie die letzte Ernte abtransportiert hatten.“

Wiesbadener Kurier vom 22.10.2014, Seite 21