Viertelkrimi 27 Bierstadt

Eine Lehrerin, ihr Schüler und der Wodka

Mit 1,8 Promille Auto in Bierstadt zu Schrott gefahren / „Ich kann mich nicht erinnern“

Frederic Feuerbach verlässt seine Wohnung, steigt das Treppenhaus hinab und tritt hinaus auf den Fußweg der Marcobrunnerstraße. Es scheint, wieder ein heißer Tag zu werden. Schon jetzt flirrt die Luft über den unbeschatteten Flächen. Als er am Nachbarhaus vorbeikommt, bleibt er versonnen stehen. Drei Jahre ist es nun her, denkt er, als hier Nadeshdas Großvater ermordet wurde.

Über 25 Fälle gelöst

Wo war die Zeit geblieben? Gemeinsam haben Nadeshda und ich über 25 Fälle gelöst, haben die eine oder andere gefährliche Situation glimpflich überstanden. Nadeshda!, denkt er, hier hat unsere Freundschaft angefangen, eine Vertrautheit, die so offen und ehrlich ist, wie ich sie bis dahin noch nie erlebt habe. Wer behauptet, dass echte Freundschaft zwischen Mann und Frau nicht möglich sei, der täuscht sich. Und gestern Abend hat sie ihm eröffnet, dass sie zusammen mit Manuel nach Berlin ziehen wird. Schon nächsten Monat. Du wirst sentimental, stellt er fest und geht weiter Richtung Café Klatsch, um einerseits zu frühstücken und andererseits eine neue Mandantin zu treffen.

Begegnung mit Clara Lund

Viertelkrimi 27 Bierstadt
Viertelkrimi 27 Bierstadt

Gerade als er das letzte Stück Croissant in den Mund schiebt, betritt eine etwa 40-jährige, sehr attraktive Frau das Café und schaut sich um. Der Detektiv starrt sie fasziniert an. Ob das Clara Lund ist? Er winkt zurückhaltend, sie kommt zu ihm. „Herr Feuerbach?“ Frederic reicht ihr die Hand, sie setzt sich. Schon bald beginnt sie zu erzählen.

„Ich bin Lehrerin an der Theodor-Fliedner-Schule in Bierstadt und angeklagt, ein Auto gestohlen und unter Alkoholeinfluss zu Schrott gefahren zu haben. Dabei habe ich das alles nicht gemacht. Ich kann mich weder erinnern, wie ich in dieses Auto gekommen bin, noch wann und wie ich so viel Alkohol getrunken haben soll. Fakt ist, man hat mich am Steuer des Wagens von Ralph Pfeiffer gefunden, der zuvor vom Lehrerparkplatz der Schule gestohlen wurde. Das Auto war gegen den Turm der Bierstadter Warte geknallt und heftig beschädigt worden. Als man es fand, saß ich angeschnallt und ohnmächtig auf dem Fahrersitz. Die Blutprobe ergab 1,8 Promille. Für die Polizei war die Sache klar. Ich kann mich lediglich daran erinnern, meine Wohnung verlassen zu haben und im Treppenhaus gestürzt zu sein. Dann hat man mich im Auto geweckt. Die blauen Flecken wären durch den Unfall entstanden.“

Spuren gesichert?

„Einen Moment“, unterbrach sie der Detektiv. „Wurden Untersuchungen am Unfallort vorgenommen, Spuren gesichert?“ „Soweit ich weiß, war nur die Verkehrspolizei vor Ort, hat Fotos gemacht und ein Protokoll verfasst. Davon habe ich nichts mitbekommen. Ich war ja ziemlich betrunken. Mein Rechtsanwalt hat die Akten eingesehen und bewertet sie als sehr lückenhaft. Allerdings…“, Clara Lund hält inne, bevor sie mit belegter Stimme fortfährt, „…meint der Staatsanwalt, genug Indizien für eine Anklage zu haben.“ „Und die sind?“ „Motiv und Gelegenheit.“ Wieder stockt sie.

„Ja?“ „Na gut. Ich hatte eine Affäre mit einem unserer Schüler, Frank Müller. Er war bereits 18 und kurz vor dem Abitur. Ralph Pfeiffer hat davon Wind bekommen und es der Schulleitung gemeldet. Woraufhin ich suspendiert und Müller auf eine andere Schule geschickt wurde. Ich hatte da das Verhältnis schon beendet, aber Frank wollte das nicht akzeptieren und lauerte mir regelrecht auf.“ „Und die Gelegenheit?“ „Ich hatte den Schlüssel für Pfeiffers Auto.“ „Warum?“ „Ich hatte ihn nicht zurückzugeben. Ach so, habe vergessen zu erwähnen: Ralph Pfeiffer und ich waren bis vor einem Jahr verheiratet.“ Eine Stunde nach diesem Gespräch tuckert Frederic mit der Ente die Bierstadter Straße hinauf, um auf der Höhe rechts in die Wartestraße einzubiegen. Auf einer grünen Rasenfläche, von alten Bäumen umgeben ragt der zylindrische Turm mehr als zehn Meter auf. Im 15. Jahrhundert erbaut, um von hier aus das Gebiet um Mainz zu beobachten, ist er heute im Ortswappen zu sehen.

Glitzern in der Sonne

Feuerbach schlendert durch den kleinen Park und hält Ausschau. Wonach, weiß er selbst nicht. Da die Polizei von einem Unfall ausging, hatte sie die Gegend um den Turm herum wohl wenig in Augenschein genommen. Unwahrscheinlich, dass nach einem Monat noch Spuren zu finden waren. Eher aus dem Bedürfnis, alles versucht zu haben, geht der Detektiv die Hecke ab, die das Grundstück umgrenzt. Vor ihm glitzert etwas im Sonnenlicht. Er hebt es auf. Eine Glasscherbe. Von einer Flasche. Er wirft sie zurück. Weiter vorne noch eine Scherbe. Ein wenig größer als das erste Teil. Ein Fetzen des Etiketts hängt noch daran. Als er das dritte Stück findet, erwacht sein Ermittlerinstinkt und er beginnt, die Scherben einzusammeln. Am Ende sind es so viele, dass er beschließt, Kommissar Fischer aufzusuchen.

Drei Tage später, wieder in Frederics Lieblingscafé, wieder mit Clara Lund. Nadeshda ist auch gekommen. „Wie es aussieht“, beginnt Feuerbach, „hat Frank Müller Sie im Treppenhaus zum Sturz gebracht, Sie betäubt und in seinen Wagen verfrachtet. Mit Ihrem Hausschlüssel ist er in die Wohnung und hat sich den Autoschlüssel geholt…“ „Frank?“, unterbricht ihn Clara Lund, „glaube ich nicht… allerdings, den vergessenen Schlüssel hatte ich irgendwann erwähnt…“

„Jedenfalls hat er dann die Fahrzeuge getauscht und Sie in den Pkw Ihres Ex gelegt. Oben am Turm hat er Ihnen Wodka eingeflößt, den Wagen gegen den Turm gefahren und Sie hinters Steuer bugsiert. Bei dem Aufprall ist die Flasche zerbrochen. Müller hat die Scherben in der Hecke entsorgt und sich davon gemacht.“ „Woher wissen Sie das?“ „Auf den Resten der Wodkaflasche konnte Kommissar Fischer Müllers Fingerabdrücke sicherstellen und mit denen vergleichen, die ihm Nadeshda gebrachte hatte.“ „Er war überhaupt sehr gesprächig, der Frankieboy. Nachdem ich mit ihm durch mehrere Kneipen gezogen war. Dem Pfeiffer hätte er es gezeigt und der Frau, die seine Liebe verschmähe, ebenfalls.“

Nadeshda stoppt, schaut Frederic an, der scheinbar nur Augen für Clara Lund hat.

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 12.08.2015, Seite 20

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s