Viertelkrimi 23 Klarenthal

Eine Auftraggeberin verschwindet…

Sie zog den Lidstrich nach, tuschte ihre Wimpern, trug matt-roten Lippenstift auf und presste die Lippen aufeinander, um die Farbe gleichmäßig zu verteilen. Dann sprühte sie einen Hauch des unbeschreiblich teuren Parfüms in den Ausschnitt. Sie drehte sich vor dem Spiegel, begutachtete ihr Aussehen, strich den eng ansitzenden Minirock glatt und übte ihr verführerisches Lächeln. Sie zog den eleganten roten Swingermantel über und nahm die kleine rote Handtasche vom Regal. Dann verließ sie die im 14. Stockwerk des Hochhauses in der Hermann-Brill-Straße gelegene Zweizimmerwohnung. Das Taxi wartete schon.

Am nächsten Morgen gegen drei Uhr kam sie zurück und zog sich um. Nachdem sie ihre „Abendgarderobe“ aus-, Jeans, Sweatshirt und den bei Tchibo gekauften Regenmantel angezogen hatte, verließ sie erneut die Wohnung. Mit dem Aufzug fuhr sie nach unten und trat hinaus ins Freie. Es nieselte. Kein Mensch war auf der Straße. Sie zog die Kapuze über den Kopf und ging Richtung Graf-von-Galen-Straße, um von dort aus in die Goerdelerstraße einzubiegen. In Höhe des Klosterwegs meinte sie, Schritte hinter sich zu vernehmen. Sie lauschte. Hörte nichts, drehte sich um, sah nichts. Ging weiter, als ein mit voller Wucht geschlagenes Eisenrohr ihren Schädel zertrümmerte.

Im Polizeipräsidium saß Feuerbach kreidebleich Kriminalhauptkommissar Fischer gegenüber. „Ich kam zu spät. Der Mann sprang plötzlich hinter einem Auto hervor, schlug zu und rannte weg. Ich war vielleicht 50 Meter entfernt. Bin sofort hingespurtet. Wollte der Frau helfen und habe gleichzeitig Polizei und Krankenwagen gerufen. Sie war schon tot. Vom Täter keine Spur. Verdammter Mist! Ich konnte das doch nicht ahnen. Ich sollte sie doch nur überwachen.“

Fischer schlug eine Akte auf. „Sie heißt Bettina Maurer, ist Hausfrau, verheiratet und hat zwei Kinder. Ihre Wohnung befindet sich ganz in der Nähe des Tatorts, in der Goerdelerstraße 35. Nach Aussage des Manns hatte sie sich mit Freundinnen getroffen, was sie regelmäßig ein- bis zweimal die Woche machte. Warum hast du sie beschattet?“

Arbeit für den Escort-Service

„Das ist nicht so einfach. Zunächst einmal sei gesagt, dass sie sich keineswegs mit Freundinnen traf, sondern mit Männern. Sie arbeitete für einen Luxus-Escort-Service und besserte damit ihr Haushaltsgeld beträchtlich auf. Immerhin ist ihr Mann seit drei Jahren arbeitslos…“ „Hat der Mann dich beauftragt?“, unterbrach ihn der Kommissar. „Nein, der weiß nichts von ihrem Nebenjob, soweit ich das beurteilen kann. Aber dieser Escort-Service wird von einer Frau geführt. Frauen wie Frau Maurer arbeiten für sie. Vor einer Woche kam die Chefin zu mir und beauftragte mich, unser Mordopfer zu beschatten. Sie vermutete, die Maurer würde mit den Kunden privat Termine ausmachen, ohne Vermittlung über die Agentur. Zugegeben, kein besonders schöner Auftrag, aber angesichts meiner momentanen Geldknappheit habe ich halt zugesagt. Zudem gab sie mir einen großzügigen Vorschuss.“

„Wie heißt diese Agentur und wie deine Auftraggeberin?“ „Also, du weißt doch, Mandantengeheimnis und so weiter.“ „Frederic, es handelt sich um Mord.“ „Ja. Dennoch – ich hab’s. Ich verrate dir nicht ihren Namen, aber als Freund, mal so ganz privat, sage ich dir, dass ich heute Nachmittag einen Termin habe. Im La Casa. Wenn du da zufällig vorbeikommst, könntest du ja ihre Personalien feststellen.“

In der Pizzeria war noch nicht viel los. Der Detektiv saß am Fenster, zwei Tische hinter ihm Fischer. Ungeduldig schaute Feuerbach auf seine Uhr, schüttelte den Kopf, stand auf und ging hinüber zum Kommissar. „Die kommt nicht mehr. Wir brechen ab.“ Fischer nickte, überlegte kurz und meinte dann: „Lass uns zu diesem Escort-Service fahren.“

Im noblen, mit viel Plüsch und Tand ausgestatteten Empfangszimmer kam ein etwa 30-jähriger Mann strahlend auf sie zu. „Meine Herren. Müller-Hohmann mein Name. Wie darf ich der Polizei behilflich sein?“ „Wir möchten Ihre Geschäftsführerin sprechen“, knurrte Fischer. „Da muss ich Sie leider enttäuschen, das geht nicht.“ „Warum nicht?“

„Weil es bei uns keine Geschäftsführerin gibt. Nur einen Geschäftsführer und das ist meine Wenigkeit.“ Verblüfft mischte sich Frederic ein: „Wir wollen zu Frau Hagestolz.“ „Auch damit kann ich zu meinem Bedauern nicht dienen. Eine Dame dieses Namens ist mir unbekannt.“

Polizeilich nicht erfasst

Am Computer des Polizeipräsidiums versuchte Feuerbach zusammen mit dem Polizeizeichner, ein Bild von Frau Hagestolz zu erstellen. Nach einer halben Stunde klopfte Frederic auf den Tisch: „Yes! Das ist sie. Genau.“ Recherchen beim LKA und BKA brachten allerdings keine Ergebnisse. Sie war polizeilich nicht erfasst. Auch im Melderegister war eine Frau mit diesem Namen nicht zu finden.

Frau Hagestolz hatte Frederic hinters Licht geführt, hatte ihn reingelegt. Das wollte, das konnte der Detektiv nicht auf sich sitzen lassen. Tagelang beschatteten er und Nadeshda abwechselnd den Ehemann des Mordopfers. Gleichzeitig war Nadeshdas Freund Manuel zum Hilfsdetektiv ernannte worden und hatte den Auftrag bekommen, das La Casa zu beobachten. Nach fast vier Wochen war Feuerbach am Ende seiner Weisheit und kurz davor aufzugeben. Enttäuscht saß er in Fischers Büro: „Bringt alles nichts. Ich hoffe, ihr habt mehr Glück.“ Noch bevor der Polizist antworten konnte, klingelte Frederics Telefon. Er nahm das Gespräch an und murmelte: „Manuel…“, dann stieß er laut hervor: „Wir kommen.“

Von ihrem geschützten Platz aus konnten sie die Frau gut sehen, die sich Hagestolz nannte. Sie saß bei einem Glas Rotwein, hatte eine große dunkle Brille auf und blätterte in einer Zeitschrift. „Das ist sie“, flüsterte der Detektiv. „Gut gemacht, Manuel.“ Als zehn Minuten später Herr Maurer das Lokal betrat und sich an ihren Tisch setzte, begaben sich die Ermittler an den Tisch des Pärchens und bauten sich hinter ihm auf. Die Hagestolz schaute hoch, sah Feuerbach, erbleichte und zischte ihrem Gegenüber zu: „Ich habe dir doch gesagt, dass das eine Scheiß-Idee war, sich hier zu treffen.“

 

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