Viertelkrimi 19 Nordost

Frau von Steinberg hat einen Beschützer

„Hallo Oma, wie geht es dir?““Hallo, ja, wer ist da?““Ich bin´s. Peter, dein Enkel aus München.““Peter, ach das ist ja schön.“ „Du, ich bin geschäftlich in Wiesbaden und da habe ich gedacht, ich rufe dich mal an…“

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Momentaner Engpass
Die Dame, die vor Feuerbachs Schreibtisch saß, hatte sich schick angezogen und sprach ruhig und gewählt. Die leicht zitternden Hände auf einen Spazierstock gestützt, schaute sie Frederic an, blickte ihm direkt in die Augen. „Wissen Sie, mit 89 Jahren will der Kopf nicht mehr so, wie er soll. Es könnte sein, dass ich einen Enkel Peter habe. Es ist beschämend genug, sich nicht an ihn zu erinnern, aber noch peinlicher wäre es, ihm das zu sagen. Natürlich möchte ich ihm die 10 000 Euro leihen. Wenn er doch in Schwierigkeiten steckt. Er hat versprochen, mir das Geld noch dieses Jahr zurückzugeben. Wie sagte er – ach, ja – er habe momentan einen Engpass. Klingt lustig. Ich habe einen Bypass und er einen Engpass. Allerdings…“
Am nächsten Morgen bestieg Wilhelmine von Steinberg das Taxi, das vor ihrer Villa in der Kapellenstraße wartete, und ließ sich zur Hausbank am Schillerplatz chauffieren.
„Sind Sie sicher, dass Sie das wirklich wollen?“, fragte der Fahrer. „Herr Feuerbach, ich bin zwar etwas vergesslich, weiß aber genau, was ich will und was nicht.“ Frederic versicherte sich durch einen Blick in den Rückspiegel, dass die Vespa noch hinter ihm war. An der Bank angekommen, stieg Wilhelmine aus, Frederic blieb sitzen. Befriedigt stellte er fest, dass Nadeshda ihr unauffällig folgte. Auf der Rückfahrt schwieg Frau von Steinberg zunächst und umklammerte ihre Handtasche. Am Ende der Taunusstraße hielt der Detektiv sich rechts und parkte dann auf einem freien Parkplatz vor dem „Café Eden“. „Wir haben noch etwas Zeit. Machen Sie sich keine Sorgen, das geht alles gut.“

Der Kaiser geht spazieren
„Ach junger Mann. Ich bin ganz ruhig. Ich war nur in Gedanken. Wie oft saß ich hier, seitdem der alte Kiosk, der bereits in den 60ern hier stand, vor fünf Jahren durch ein Café ersetzt wurde. Sobald es das Wetter zulässt, sitze ich hier und erfreue mich der Aussicht auf den Nerotal-Park. Wenn ich zum Kriegerdenkmal blicke, sehe ich direkt Kaiser Wilhelm vor mir, wie er mit dem Zaren Nikolaus spazieren geht, am Kiosk, der damals an einer anderen Stelle stand, einen Kaffee trinkt und meine Eltern dabei zuschauen. Ach, ja.“
Sie öffnete die Wagentür, stieg aus und setzte sich auf einen schattenfreien Stuhl. Feuerbach folgte etwas später und nahm am Nachbartisch Platz.
Der Mann, der sich Frau von Steinberg näherte, sah aus, wie Großmütter sich einen Enkel wünschen. Gut gebaut, adrett gekleidet, ordentlich frisiert, freundlich lächelnde Augen. Er setzte sich, ohne zu zögern zu ihr, nahm ihre Hände in seine und sagte etwas, das Frederic nicht verstand. Wilhelmine jedenfalls schien es zu gefallen. Man sah deutlich, wie sich ihr Körper entspannte, jedes Misstrauen von ihr abfiel. Das war der Moment, wo der Detektiv aufstand und zu den beiden hinüberschlenderte.
„Guten Tag, Frau von Steinberg, das ist aber schön, Sie hier zu treffen“, begrüßte Frederic die alte Dame und setzte sich sofort. „So ein Zufall, Herr Feuerbach. Darf ich Ihnen meine Enkel Peter vorstellen…“
Weiter kam Wilhelmine nicht, denn Peter war aufgesprungen, hatte den Stuhl umgeworfen und sich eiligst entfernt. Feuerbach spurtete ihm hinterher. Der Typ war verdammt schnell, zu schnell für den Detektiv. Er sah den vermeintlichen Peter über den Platz laufen, auf der anderen Seite des Parks in ein Auto springen und mit quietschenden Reifen losfahren.

Frederic gibt Gas
Während Nadeshda mit der Vespa die Verfolgung aufnahm, rannte Feuerbach zu seinem „Taxi“ zurück. Kaum hatte er den Motor gestartet, klingelte die Freisprecheinrichtung, Nadeshda rief an: „Fährt zur Nerobergbahn-Station, gerade am Thalhaus vorbei … komm von der anderen Seite!“ Frederic gab Gas und raste ebenfalls Richtung Bahnstation. Schon konnte er den schwarzen BMW des Enkeltrickbetrügers sehen. Er kam um die Kurve geschossen.
Als dieser merkte, dass Feuerbach ihm die Weiterfahrt versperren wollte, bog er mit einem riskanten Lenkmanöver in die Weinbergstraße ab. Er geriet ins Schleudern, krachte gegen einen geparkten Wagen am Straßenrand, fing das Auto wieder und brauste mit Vollgas den Berg hinauf. Frederic hinterher. Im Rückspiegel sah er Nadeshda kommen.
Die Jagd ging weiter, hoch zum Neroberg. Kurz nachdem die Bebauung aufhörte, riss Enkel Peter das Fahrzeug nach links, um in den Weg Richtung „Griechischer Kapelle“ und Opelbad abzubiegen. Doch das Tempo war zu hoch, der BMW kippte um, überschlug sich zweimal und blieb auf dem Dach liegen.

„Waffe wegwerfen“
Als Frederic die Unfallstelle erreichte, drehten sich noch die in den Himmel ragenden Räder. Der Detektiv stieg aus, näherte sich vorsichtig dem Fahrzeug. Plötzlich wurde die Fahrertür aufgedrückt und Enkel Peter krabbelte heraus. Das Gesicht blutüberströmt, hielt er in der rechten Hand eine Pistole. Jetzt kam auch Nadeshda an und Frederic bedeutete ihr, sie solle in Deckung gehen. Der Verletzte versuchte sich aufzurichten, knickte mit den Beinen wieder weg. „Wenn Sie die Waffe wegwerfen, helfe ich Ihnen“, rief Feuerbach. „Der hört dich nicht mehr.“ Nadeshda kam näher, zusammen gingen sie zu dem auf dem Boden liegenden ohnmächtigen Mann. „Ich habe schon die Polizei verständigt.“

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 28.03.2014, Seite 20

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