Viertelkrimi 14 Schierstein

„Deine Grundschule brennt!“

2013 10 Viertelkrimi 14 Schierstein

WIESBADEN . Rauchschwaden zogen über den Schiersteiner Hafen. In Frederic Feuerbachs Kopf erklang sofort der Riff von „Smoke on the water“ und kurz darauf blitzte eine weitere Erinnerung aus seiner Kindheit auf. Wie oft hatte er sich auf seinem morgendlichen Weg gewünscht, die Schule würde brennen und der Unterricht ausfallen. Wenig später stand er vor dem Hauptgebäude der Erich-Kästner-Schule, aus deren Fenstern hohe Flammen schlugen. Aus allen Richtungen schossen Wasserfontänen aus den Schläuchen der angerückten Feuerwehren.

Die Nachricht lautet „KHB“

„Hallo Herr Feuerbach, jemand zu Hause?“ Nadeshda riss den Detektiv in die Gegenwart. „Ich habe gerade mit einem Ermittler gesprochen. Scheinbar wieder Brandstiftung. Wie letzte Nacht in der Hafenschule und heute Mittag im Feuerwehrgerätehaus in der Karl-Lehr-Straße…“ „…und eine Nachricht?“ „Wie gehabt: KHB.“ „Lass uns fahren. Hier können wir sowieso nichts ausrichten.“

Wenig später saß Feuerbach im Halbdunkel seines Zimmers, hatte Deep Purples Album „Machine head“ aufgelegt und einen alten Bordeaux geöffnet. Die Ereignisse berührten ihn stärker, als er sich eingestehen wollte. Diese brennenden Schulgebäude, in die er so viele Jahre gegangen war, Schierstein, wo er seine Kindheit verbracht und lange nicht mehr war, steckten voller Erinnerungen. Und heute war er gleich dreimal dorthin gefahren. Natürlich hatte er Kommissar Fischer von den Telefonaten erzählt.

Feind aus Jugendtagen?

Die Anrufe, die ihn auf die Brände hinwiesen, kurz und knapp: „Deine Grundschule brennt“, oder „In Schierstein brennt die Feuerwehr“ und heute Abend „Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Kästner“. Es musste jemand sein, der viel über Feuerbach wusste. Was bezweckte er?

Feuerbachs Kindheit verbrennen? Dann passte die brennende Feuerwache nicht. Mit Feuerwehren hatte der Detektiv nie etwas zu tun gehabt. Ein Feind aus Jugendtagen, dem er Leid zugefügt hatte? Das ergab alles keinen Sinn. Der Hinweis auf den dritten Brand war ein Zitat aus der Nazizeit, als Goebbels in Berlin Bücher verbrannte. Sicherlich war die Polizei schon im rechten Milieu auf Spurensuche. Dann diese Zettel mit der Buchstabenkombination, was sollte das? KHB gab es massenhaft als Abkürzung.

Feuerbach findet keine Ruhe

Es half nichts. Frederic fand keine Ruhe. Er bestellte ein Taxi und ließ sich an den Schiersteiner Hafen chauffieren. Es war kurz vor Mitternacht und eisig kalt. Der mit dicken Wolken verhangene Himmel riss auf und ein fast voller Mond erhellte die Nacht. Feuerbach lief die Uferpromenade entlang, bis zum Christophorushaus. Dort blieb er stehen, schaute sich um. Hier musste sie doch stehen? Richtig. Dort drüben auf der Wiese erkannte er sie schemenhaft. Die Jupitergigantensäule. Nicht gigantisch, eher zierlich. Er erinnerte sich, wie enttäuscht sie gewesen waren, als sie das Replikat zum ersten Mal sahen. Sie hatten in der Schule gebastelt und gemalt, um die Werke auf einem Flohmarkt zu verkaufen, dessen Erlös der Herstellung des Denkmals zugutegekommen war.

„Kennen wir uns?“

Er betrat die Wiese und erkannte, dass dort jemand auf dem Boden saß, gegen die Säule gelehnt. Frederic näherte sich vorsichtig. Mit zittriger Stimme sprach der Mann: „Hast lange gebraucht.“ Feuerbach schluckte: „Kennen wir uns?“ „Komm setz dich zu mir.“ Kurz zögerte der Detektiv, dann ging er vor dem Fremden in die Hocke. „Wer bist du?“ „Ich bin ein Geist, ich bin der Racheengel, ich bin … ich hab’s vergessen.“ Frederic bemerkte, dass er etwas in der linken Hand hielt. Der Mann hob den Arm, hielt es vor seine Augen. „Der da ist tot, seit 42 Jahren, und sein Geist ist in mir. Er ist zurück auf die Erde gekommen.“ Der Mond verschwand hinter einer Wolke, es wurde schlagartig dunkel. Plötzlich zog der Mann ein Feuerzeug hervor, entfachte die Flamme und hielt sie ans Foto, das sofort Feuer fing. „Leb wohl, mein Freund, zum zweiten und hoffentlich letzten Mal.“ Frederic blickte in das vom Schein erhellte Gesicht. „Werner? Werner Krumelholz? Du?“ „Heiße ich so? Ja, wenn du es sagst. Vielleicht, vielleicht. Geister haben viele Namen. Sie verfolgen dich, jagen dich, schlüpfen in dich hinein und sagen dir, was du machen sollst.“ Er warf das restliche Stück Foto ins Gras, die Flamme erlosch, er stand auf und verschwand in die Nacht. „Denk an das Datum!“, hörte Feuerbach ihn noch rufen.

Kein Auge zugetan

Frederic gähnte, biss lustlos in ein Croissant, während Nadeshda ihren Roibuschtee sichtlich genoss. Er hatte kein Auge zugetan, war durch den Ort geirrt und hatte sein Gehirn zermartert. Es lag auf der Hand, und er konnte es nicht fassen. Um acht Uhr hatte er Nadeshda aus dem Bett geklingelt und sich mit ihr im Café Orange verabredet. Sein Blick streifte über die Hafenanlage, während er sprach: „Werner Krumelholz. Ich erinnere mich schemenhaft an ihn. Er war eine Klasse über mir. Hing immer mit einem anderen Typen ab. Waren unzertrennlich. Dass ich den heute Nacht wiedergetroffen habe, war merkwürdig. Aber er hatte mich erwartet. Nachdem ich Kommissar Fischer angerufen hatte, ging es ziemlich schnell. Werner wohnt in der Seniorenanlage da vorne. Sie haben jede Menge Brandbeschleuniger in seinem Zimmer gefunden. Laut Schneider hat er ununterbrochen von Geistern geplappert. Scheint stark verwirrt zu sein. Aber warum die Zündelei, warum jetzt, und warum rief er mich an?“

Nadeshda hatte ihr Smartphone hervorgeholt: „Gestern war der 23. Januar. Vor 42 Jahren, das war 1971…mal sehen. Hier…an diesem Tag hatte die Firma Linde in Mainz gebrannt, drei Menschen sind dabei ums Leben gekommen…“ Frederic schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn: „Ich bin so blöd. Klar. KHB, das ist Karl-Heinz Bremser. Einer der Feuerwehrleute, die verschüttet wurden und starben. Karl-Heinz war Werners bester Freund. Werner hatte ihn überredet, bei der Freiwilligen Feuerwehr mitzumachen. Und in dieser Katastrophennacht war Werner krank, konnte nicht mit. So ist Karl-Heinz ohne ihn zu seinem ersten Einsatz gefahren. Dass mir das nicht gleich eingefallen ist!“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s