Viertelkrimi 24 Schiersteiner Brücke

Leichenfund auf der Schiersteiner Brücke

Ein heftiger Wortwechsel, hysterisch hervorgestoßene Beleidigungen und unverhohlene Drohungen durchdringen das Zimmer in der Schiersteiner Appartementwohnung. Dann stürmt die nackte Frau auf den großen, korpulenten Mann zu, stößt mit beiden Händen gegen seine Brust, der stolpert, gerät ins Straucheln, stürzt und knallt mit dem Kopf auf die Ecke des Marmortischs.

Leichenfund
Vereinsamte Straße
Dem schmächtigen Wiesbadener Stadtverordneten rinnt der Schweiß in Strömen. Vorsichtig und sich im Dunkeln bewegend, bugsiert er sein einrädriges Gefährt über die vereinsamte Straße. Kaum kann er die Balance halten, kaum das große Gewicht vorwärtsbewegen. Ängstlich schaut er sich um. Bislang ist niemand zu sehen. Noch 100 Meter zu der Stelle, die er sich ausgesucht hat, dann die Ladung über das Geländer hieven und schnell und unerkannt verschwinden.
Der Arbeiter Paul Eberhard fährt mit dem großen Bagger langsam über die gesperrte Schiersteiner Brücke in Richtung Baustelle. Rechts unter der Schilderbrücke sieht er etwas liegen. Neugierig hält er an, steigt ab und erstarrt. Zu seinen Füßen liegt, neben einer umgestürzten Schubkarre, ein nackter Mann. Tot.
Aufgrund der Einsturzgefahr durften lediglich der Leichenwagen und je ein Einsatzfahrzeug der Mainzer und der Wiesbadener Polizei bis zur Fundstelle fahren. Alle anderen waren gezwungen, ihre Autos vor den Absperrungen abzustellen und den Rest des Weges zu Fuß zurückzulegen. Besonders die Leute der Spurensicherung stöhnten, da sie ihre Koffer, Taschen und Stative schleppen mussten. „Völlig übertrieben“, maulte der Mainzer Kommissar Hubert Fichte und sein Wiesbadener Pendant Klaus Fischer stimmte ihm zu. Das war die einzige Gemeinsamkeit der beiden. Ansonsten stritten sie sich heftig über die Zuständigkeit.
Die Leiche lag exakt auf der Grenze zwischen Mainz und Wiesbaden oder, um es eine Nummer größer zu machen, zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz. Die untere Hälfte, ab den Beckenknochen, lag eindeutig auf Mainzer Gebiet. Der Rest in Wiesbaden. „Lassen Sie uns erst einmal hören, was die Spurensicherung zu sagen hat, dann sollen die Chefs entscheiden, wer den Fall bearbeitet“, meinte Fischer gereizt. Den Kollegen von der anderen Seite konnte er noch nie leiden. Die Spusi hatte weniger Kompetenzprobleme.
Fundort ist nicht Tatort
Beide Leiter traten vor die Kommissare und berichteten abwechselnd: „Fundort nicht Tatort.“ „Männlich, etwa 60 Jahre, übergewichtig. Am Mainzer Teil keine Verletzungen.“ „Am Wiesbadener Teil heftige Kopfverletzung, sicherlich die Todesursache.“ „Keine Kleidung, Papiere oder Ähnliches. Identifizierung: Fehlanzeige.“ „Aber ich weiß, wer das ist“, meldete sich eine junge Beamtin. „Wer?“, kam es wie aus einem Munde. „Bernd Schimkovsky, Ortsbeirat einer der drei AKK-Orte, von welchem weiß ich nicht. Ich glaube, er ist auch Vorsitzender der MzWi.“
Chaos im Rhein-Main-Gebiet
„Entschuldige, Frederic. Aber ich habe über eine Stunde auf der Theodor-Heuss-Brücke gestanden. Da ging gar nichts. Irgendwo ein Unfall, und das gesamte Rhein-Main-Gebiet versinkt im Chaos.“ Nadeshda ließ sich genervt auf Feuerbachs Sofa plumpsen. „Was gibt es?“ Der Detektiv erzählte ihr von dem Leichenfund auf der Schiersteiner Brücke und das, was er vom völlig frustrierten Kommissar Fischer erfahren hatte. Da es sich bei dem Toten um einen Lokalpolitiker handele, der zudem noch Vorsitzender der Partei für die „Wiedervereinigung von Mainz und AKK“ sei, wurden zunächst die Landeskriminalämter eingeschaltet. Da die sich ebenfalls nicht über die Zuständigkeiten einigen konnten, läge die Sache jetzt beim BKA.
„Und vor zwei Stunden“, fuhr Frederic fort, „stand plötzlich ein Wiesbadener Stadtverordneter in meinem Büro. Er beauftragte mich, eine Studentin aus Mainz ausfindig zu machen. Sie verdient sich ihr Studium als Callgirl unter dem Namen Daisy. Da du doch da drüben studierst, dachte ich, du kannst mir bei der Suche helfen.“ „Hat er einen Grund genannt, warum du die Dame finden sollst?“
Erhitzte Wortgefechte
„Da hielt er sich bedeckt. Allerdings habe ich bei meinen Recherchen Folgendes herausgefunden: Der Tote auf der Brücke und mein Mandant führten seit geraumer Zeit erhitzte Wortgefechte bezüglich des Haushalts-Etats von AKK und der Frage der Plätze an Mainzer Gymnasien für Schüler aus diesen Vororten. Fakt ist, die zwei sind in der Öffentlichkeit heftig aufeinander losgegangen. Nun ist einer der beiden tot, liegt genau auf der Grenze zwischen Mainz und Wiesbaden und der andere sucht ein Callgirl.“
„Das hat Gschmäckle, wie der Schwabe sagt“, grinste Nadeshda, stand auf und meinte: „Auf zur nächsten Weltreise. Ich glaube, diesmal lasse ich mich mit der Fähre von Walluf aus ins feindliche Gebiet übersetzen.“
Nadeshda hatte Glück und fand die Frau bereits nach zwei Tagen. Noch am selben Abend kam es zu einem Treffen zwischen dem Stadtverordneten, Daisy und den zwei privaten Ermittlern. Zunächst schwieg die Studentin beharrlich.
Als aber Frederic das BKA erwähnte, erzählte sie. Sie sei regelmäßig von den beiden Männern ins Schiersteiner Appartement bestellt worden und es sei stets in harmonischer Dreisamkeit verlaufen. Beim letzten Mal sei es wegen Geld zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen und das Unglück geschehen. „Ich geriet in Panik“, fuhr der Stadtverordnete fort. „Wer hätte mir geglaubt, dass es ein Unfall war? Ich zusammen mit meinem ärgsten Widersacher im Streit um AKK bei Sexspielen! Dabei waren Bernd und ich schon immer befreundet und haben nur auf der politischen Bühne gestritten. Wir beschlossen, seine Leiche verschwinden zu lassen, in den Rhein zu werfen. Gemeinsam mit Daisy schleppte ich Bernd auf die Brücke. Irgendwo stand eine Schubkarre herum. Ich habe Daisy dann fortgeschickt…“ „…und entschieden sich dann, den Toten mitten auf der Stadt- und Landesgrenze zu platzieren?“, hakte Frederic ein. Der Politiker schluckte. „Bernd war zu schwer. Die Karre ist mir umgekippt und er ist rausgefallen. Als dann auf der Mombacher Seite Lichter angingen, bin ich abgehauen. Dass er so lag, wie er gefunden wurde, war reiner Zufall.“

Wiesbadener Kurier Rheingau vom 28.03.2015, Seite 34

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