Viertelkrimi 05 Erbenheim

 Gestolpert, gestürzt oder ermordet?

„Ich kam ins Haus und sie lag auf dem Treppenabsatz. Blutend, die Glieder bizarr verbogen …“ Michael Plattner schien erschüttert von dem Anblick seiner toten Tante, obwohl dieses Ereignis bereits drei Monate zurücklag. Es war der dritte Prozesstag beim Wiesbadener Landgericht. Die Anklage lautete auf Totschlag. Nach Befragung des Neffen durch Richter Schmelz wurden die Zeugen aufgerufen. Die Ausführung des Gerichtsmediziners stellte Genickbruch als todesursächlich fest. Keine Anzeichen von Fremdeinwirkung. Der Kriminalkommissar schilderte, wie in dem kleinen Haus in der Lilienthalstraße gegenüber der Justus-von-Liebig-Schule in Erbenheim Spuren gesichert wurden. Nichts hätte auf ein Verbrechen hingedeutet. Keine Einbruchsspuren. Klara Plattner sei offensichtlich gestolpert und die Treppe hinuntergestürzt. Damit wäre der Fall abgeschlossen gewesen. Eine Woche später tauchte eine Soldatin auf und behauptete, Plattner habe seine Tante ermordet.
Am nächsten Verhandlungstag rief das Gericht Sergeant Linda Baumann in den Zeugenstand. Die Amerikanerin erschien in Uniform und sprach Deutsch. Sie war „Black Hawk“-Pilotin und wohnte wie viele der 19 000 in Wiesbaden stationierten Armeeangehörige in der neuen „Newman Village“.

20121114 Erbenheim_001„Wir haben uns geliebt“
„Ich bin Großtochter von Klara. Mein Dad ist ihr Sohn. Sie war mit Granddad verheiratet. Nach dem Krieg. Später haben sie sich geschieden, und Granddad ist mit Dad zurück nach USA. Wenn Granddad starb, erzählte er mir, wer meine Grandma war. Da war ich noch based in Heidelberg. Ich besuchte Klara mehrmals und wir haben uns sofort geliebt. Sie war fröhlich, als sie hörte, ich war ihr … ihr Engel. Sie hatte nichts gewusst von mir. Wenn ich nach Headquarter in Erbenheim kam, hat sie erklärt, ich kann bei ihr wohnen, und wenn tot, ich sollte Heim erben. Wollte ganz schnell machen ein Testament. Termin wäre gewesen drei Tage nach …“ Baumann schluckte und schwieg.
Der Richter blätterte in den Unterlagen und bestätigte ihre Aussage. Allerdings gäbe es ein gültiges Testament, demzufolge Michael Plattner das Haus erben solle. Sergeant Baumann schilderte dann, wie sie sich vor dem Unglück in der Wandersmannstraße getroffen hatten, um das Harlekinäum zu besuchen. Sie sei sehr aufgeregt gewesen. Sie hatte ihrem Neffen von der Testamentsänderung erzählt und dieser sei völlig ausgerastet. Das würde er sich nicht gefallen lassen. Klara sei verängstigt gewesen. Linda hatte gesagt, sie brauche das Haus nicht. Aber die alte Dame blieb stur. Als Linda später von dem angeblichen Sturz erfuhr, sei ihr das merkwürdig vorgekommen. Sie habe sofort einen Privatdetektiv beauftragt.
Am nächsten Verhandlungstag saßen Frederic Feuerbach und Nadeshda im Gerichtsgebäude in der Mainzer Straße. Frederic blätterte im Kurier und las den Bericht über das laufende Verfahren. Die junge Frau war nervös. „Kannst du mal aufhören herumzuzappeln wie ein Wackelpudding beim Erdbeben!“, brummte der Detektiv, ohne aufzublicken.
Nadeshda sagt aus
„Du hast gut reden. Schließlich ist es für mich das erste Mal, dass ich in einem Prozess aussagen soll. Ich mache mir bald in die Hose …“ Frederic hob einen Arm und deutete mit dem Finger nach vorne. „Hinten rechts. Toiletten.“ Der Tritt gegen das Schienbein des Detektivs fiel heftig aus. „Autsch, du hast wohl nicht mehr …“ In diesem Moment öffnete sich eine Tür und ein Beamter rief: „Herr Feuerbach, bitte.“
Frederic saß an dem grauen Tisch vor den Richtern. Er schilderte ruhig und konzentriert die Ereignisse. „Frau Baumann war zu mir gekommen und bat mich, Nachforschungen anzustellen. Sie zeigte mir eine wertvolle Brosche, die Klara ihr geschenkt hatte. Es gäbe noch eine wertvolle Kette und Ohrringe, die sie in einer Schatulle aufbewahre, hatte sie gesagt. Das hatte die Soldatin der Polizei erzählt. Die fand zwar die Holzkiste, allerdings ohne Inhalt. Auch bei nochmaliger Überprüfung hatte nichts auf einen Einbruchsdiebstahl hingewiesen. Außerdem hätte der Neffe ein wasserdichtes Alibi. Ich versprach Frau Baumann, mich darum zu kümmern und beschattete Plattner.
Er verhielt sich unauffällig. Eines Abends folgte ich ihm und beobachtete, wie er sich mit zwei Männern bei einem Italiener in der Krautgartenstraße traf. Die Unterhaltung verlief aufgeregt. Plötzlich stand Plattner wütend auf und verließ das Lokal. Er nahm ein Taxi nach Wiesbaden zur Spielbank. Während des Gesprächs hatte ich von den Typen in der Pizzeria Fotos gemacht.“
Der Vorsitzende zog zwei Bilder hervor. Er nickte zustimmend und Frederic fuhr fort: „Außerdem hatte ich meine Assistentin telefonisch gebeten, nach Erbenheim zu kommen, um die beiden Männer weiter zu beobachten.“
Auch Feuerbach musste anschließend weitere Fragen beantworten. Dann wurde Nadeshda aufgerufen. Unsicher trat sie vor den Richter, ihre Augen suchten Frederic. Er nickte ihr aufmunternd zu.
„… ich traf an der Pizzeria ein, als Plattner herauskam. Die beiden Männer, deren Bilder mir Herr Feuerbach aufs Mobiltelefon geschickt hatte, verließen kurz darauf ebenfalls das Lokal. Ich folgte ihnen. Sie liefen Richtung Barbarossastraße. Bogen nach rechts ab, gelangten in die Lilienthalstraße. Sie hielten vor Klaras Haus an. Schauten sich um, und einer trat auf den Blumenkübel zu, der etwas versetzt vor dem Haus stand. Wühlte in der Erde herum und zog eine Plastiktüte hervor. Ich musste das fotografieren. Allerdings ging der Blitz automatisch an, was die zwei …“ Nadeshda deutete auf die Angeklagten auf der rechten Seite „… natürlich bemerkten. Ich rannte los …“
Urteilsverkündung
Am nächsten Tag wurde das Urteil verkündet und die beiden Männer wegen Totschlags im Affekt bzw. Beihilfe und schwerem Diebstahl verurteilt. Michael Plattner erhielt eine Haftstrafe wegen Anstiftung. Nadeshda hatte Feuerbach überredet, mit ihr einen Hamburger zu essen. „Manchmal brauche ich einfach dieses Junkfood.“ Sie biss herzhaft ins Brötchen mit Fleischklops und Frederic meinte: „Und ich bin froh, dass du dennoch so sportlich bist und die Typen abhängen konntest.“

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 14.11.2012, Seite 16

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