Viertelkrimi 08 Dotzheim

Im Haar die Feder eines Hahns

Feuerbach und Nadeshda trinken in Dotzheim, essen in der Dunkelbar und stolpern über eine „Schwarze Messe“

Von Richard Lifka
Frederic Feuerbach stand vor dem Grab, schaute es zwar an, war aber mit seinen Gedanken woanders. Ganz auf das Geschehen des Vortags konzentriert, erzählte er. „Gestern hatte Frau Becker Geburtstag. Töchterchen Nadeshda hielt es für eine gute Idee, zusammen mit ihrem Freund, Mama auszuführen. Und mich hatte sie überredet mitzukommen. Ich habe nur zugestimmt, weil sie sich so lieb um mich gekümmert hatte, als ich nach dem Breckenheimer Abenteuer in der HSK lag.
Da der späte Nachmittag mit einer Weinprobe beginnen sollte, ließen wir die Fahrzeuge stehen, schließlich waren wir ja froh, Parkplätze gefunden zu haben und fuhren mit einem ESWE-Transporter nach Dotzheim. Der Winzer war sehr freundlich und kredenzte uns Proben der Lage „Dotzheimer Judenkirsch“. Es begann mit einem trockenem 2009er Riesling QbA und steigerte sich über einen halbtrockenen Kabinett, einer hervorragenden trockenen Spätlese bis hin zu einem 2007er 1. Gewächs. Ein paar Rotweine gab es auch, die meisten im Barrique-Fass gereift und zum Abschluss einen extra trockenen Sekt.
iM hAARZu Fuß zum Schloss
Dabei erzählte der Winzer die eine oder andere Anekdote, erklärte den Namen Judenkirsch, der auch „Judenkirch“ geschrieben würde, was natürlich falsch sei, da es sich ja nicht um ein Gotteshaus handele, sondern um ein Nachtschattengewächs, auch Blasenkirsche genannt. Jedenfalls waren wir alle danach nicht mehr so ganz Herr unseres Bewegungsapparats, so dass Mama Becker bei mir Halt suchte, als wir uns zu Fuß zum Freudenberger Schloss aufmachten. Natürlich ist mir, trotz einiger Promille, nicht entgangen, dass das von Nadeshda beabsichtigt war. Es schien, als ob sie ihre geschiedene Mutter an den Mann, sprich mich, bringen, oder dem einsamen Wolf, sprich mir, ein Weibchen zuführen wollte. Aber lassen wir das. Jedenfalls gingen wir die eineinhalb Kilometer schleppenden Fußes hinauf zum Schloss, wobei die frische Luft ernüchternd wirkte.“ Feuerbachs Blick löste sich von der verwüsteten Grabstätte und nahm die daneben liegenden Knochen, die Federn und die feuchten Stellen in Augenschein. Er erzählte weiter. „Als wir gegen 19.30 Uhr auf dem Gelände des Schlosses ankamen, stand uns nicht der Sinn nach Erfahrungsfeldern, und wir gingen deshalb sofort in die Dunkelbar, wo Nadeshda ein sogenanntes Nachtmahl arrangiert hatte. Ist ein merkwürdiges Erlebnis, so im Dunkeln zu essen, nicht zu sehen, was da auf dem Teller liegt. Riechen, fühlen und schmecken. Sehr intensiv, das alles. Naja, wir haben überlebt, es war lecker und, da es beim „Dinner in the Dark“ nur Alkoholfreies zu trinken gab, waren wir auch wieder bei Sinnen.“ Während der letzten Worte war sein Blick hinüber zu dem umgestoßenen Grabstein gewandert. Deutlich war noch das verkrustete Blut darauf zu erkennen, genauso wie die verschiedenen Zeichen.
Schlafen beim Kompost
„Wir sind noch etwas durchs Gelände geschlendert, und Nadeshda hat trotz der Dunkelheit wie wild blitzend fotografiert. Unter anderem auch einen Komposthaufen. Als sie drum herumging, um noch ein besseres Motiv zu bekommen, sah sie zwei Jugendliche, die sich dort seelenruhig zum Schlafen niedergelegt hatten. Die mussten natürlich ebenfalls digital abgelichtet und gespeichert werden. Sie waren komplett schwarz gekleidet. Die junge Frau, wahrscheinlich durch das Blitzlichtgewitter aufgewacht, blinzelte Nadeshda an, hob die rechte Hand, wobei sie den Daumen, den kleinen und den Zeigefinger abgespreizt nach oben hielt, bevor sie erneut einschlief.“
Frederic schaute hoch, Kommissar Fischer direkt in die Augen. Dieser räusperte sich und sagte: „Ich danke dir, dass du gekommen bist. Ich bin froh, dich heute Morgen wegen unseres Badminton-Termins angerufen zu haben.
Wenn ich dir nicht erzählt hätte, dass ich auf dem Dotzheimer Waldfriedhof vor einem verwüsteten Grab stünde, könnten wir diesen Fall sicherlich als ungelöst ablegen. Nachdem die Techniker alle Spuren gesichert haben, steht fest, dass hier vergangene Nacht eine „Schwarze Messe“ abgehalten wurde. Den Grabstein benutzten die Täter als Opferaltar. Zum Glück stammt, wie zunächst befürchtet, das Blut nicht von einem Menschen, sondern von einem schwarzen Rassehahn, der hier zu Ehren Satans seinen Kopf und anschließend seinen Lebenssaft verloren hat. Der blutverschmierte Körper lag in Samttücher gewickelt, die mit unbekannten Schriftzeichen bedruckt sind, neben dem Stein. Dazwischen haben die Täter Speckstücke drapiert. Die Knochen stammen von der ausgegrabenen Leiche.
Ringe um die Augen
Es ist bereits der dritte Fall von Okkultismus innerhalb eines Monats in Wiesbaden. Zweimal wurden am Eingang des Südfriedhofs rote Rosen abgelegt und Kreuze umgekehrt an Bäume genagelt. Das Tieropfer ist eine neue Dimension und gab es lange nicht mehr. Wie es aussieht, ist die „Church of Satan“ zu neuem Leben erwacht und requiriert nun in unserer Gegend ihre Jünger.“ Fischer zog aus seiner Aktenmappe ein Papier hervor. „Das ist die Ausschnittsvergrößerung von einem der Fotos, die Nadeshda gemacht und uns nach dem Telefonat gemailt hat. Wie du siehst, sind die Hände eindeutig mit Blut beschmiert. Im Haar des Mannes kann man eine Feder des geopferten Hahns erkennen. Trotz ihrer bemalten Gesichter und den schwarzen Ringen um die Augen konnten sie identifiziert werden. Keine Unschuldslämmer! Sind beide registriert. Kollege Müller ist mit ein paar Leuten unterwegs, die Members der CoS einzufangen.“
Am Abend saß Feuerbach in seiner Wohnung und las im neusten Eschbach-Roman, als es an der Tür klingelte. Nadeshda stand davor, süffisant lächelnd. „Ich habe etwas gekocht. Es ist zufällig mehr als wir zu zweit schaffen. Da habe ich gedacht, du könntest rüberkommen und uns helfen, die Hühnerschenkel zu verspeisen. Mutter würde sich freuen.“ Frederic riss die Augen auf und überlegte, ob er die Tür wieder zuknallen sollte. Nadeshda begann zu lachen: „Mach dir nicht ins Hemd. Mama ist bereits abgereist, und die Hähnchenschenkel sind in Wahrheit Pellkartoffel mit grüner Soße. Manuels Lieblingsgericht.“

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 27.02.2013, Seite 16

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