Viertelkrimi 15 Westend

Tatort Sedanplatz nach „Tatort“ im Café

 

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Wiesbaden . Feuerbach hatte seinen Fernseher auf den Müll geworfen und beschlossen, sich nie wieder solch eine Verführ- und Verdummungsmaschine ins Haus zu holen.
Was er auch nicht bereut hatte, bis auf eine Ausnahme. Sein Sonntagabend-Ritual, das er seit über 40 Jahren ausübte: die neue „Tatort“-Folge schauen. Von den mehr als 800 Episoden hatte er nur wenige verpasst. Deshalb hieß es für ihn jeden Sonntag „Go West“, genauer gesagt, ins Café „Westend“, um sich dort bei einem Tatort-Menü die neueste Folge anzusehen. Danach verließ Frederic das Lokal und eilte zum nächsten Termin.
Schüsse aus dem BMW
Ein tiefgelegter schwarzer BMW bog vom Kurt-Schumacher-Ring in die Seerobenstraße ein. In Höhe Roonstraße verringerte er das Tempo, die dröhnende Musik im Wagen wurde abgeschaltet.
Frederic lief vor bis zum Sedanplatz, bog links ab und blieb vor dem Restaurant „Das Lokal“ stehen. Kurz darauf kam ein etwa 25-jähriger Mann heraus, der sich nervös umschaute. Die beiden begrüßten sich und überquerten die Straße.
Der schwarze BMW schoss los. Bremste an der Verkehrsinsel. Aus dem offenen Beifahrerfenster sah man die Spitze eines Schalldämpfers. Mit zwei leisen „Blubbs“ verließen die Geschosse den Lauf und rasten auf ihr Ziel zu.
Als Feuerbach und sein Begleiter auf der Verkehrsinsel stehen blieben, hielt ein Wagen mit quietschenden Reifen vor ihnen. Wie in Zeitlupe sah der Detektiv, wie ein Mann auf dem Beifahrersitz zwei Schüsse abgab.
Der Wagen rast davon
Geistesgegenwärtig stieß er den jungen Mann zur Seite und warf sich auf den Boden. Rollte nach rechts, in den Schutz eines Fahrzeugs, das verbotenerweise auf der Insel abgestellt war. Der Wagen raste mit durchdrehenden Reifen davon.
„Adal Yidirim. Er war der Einzige, der aussagen wollte.“ Frederic und Nadeshda saßen in Feuerbachs 2CV und beobachteten das Fenster im dritten Stock des Backsteinhauses. „Er war wegen Offerten-Betrugs angeklagt und hatte vom Staatsanwalt Straffreiheit zugesichert bekommen, wenn er die Hintermänner nennt.“ „Was ist das denn?“ „Ein sehr einträgliches Geschäft. Das Prinzip ist einfach. Man durchforstet die Handelsregistermeldungen, in denen ja alle Neugründungen von Firmen, Adressänderungen, die Gesellschafter und so weiter veröffentlicht werden. Dann schickt man diesen eine Rechnung mit amtlich aussehendem Briefkopf und fordert, 172,60 Euro Bearbeitungsgebühren zu überweisen.“ „Naja, das ist ja nicht gerade viel“, warf Nadeshda ein.
60 000 Euro im Monat
„Wie man´s nimmt. Wenn dir monatliche Einnahmen von 60 000 Euro nicht viel erscheinen…“ „Nee, oder? Und die Leute zahlen das einfach so?“ „Viele. Die Briefe sind gut gemacht. Der Betrug fällt erst auf, wenn irgendwann die richtige Rechnung kommt.“ „Und dieser Adal hat das durchgezogen?“ „Genau das ist das Problem. In Wiesbaden wird das von einem Drahtzieher im Hintergrund organisiert. Der hat mehrere Büros, die nichts anderes machen, als Handelsregistereintragungen zu studieren, Briefe zu drucken und zu verschicken. Für die Geldüberweisungen benötigt er Bankkonten. Diese lässt er von Strohmännern, meist Türken, die gerade 18 Jahre alt geworden sind, eröffnen. Er braucht viele Strohmänner, da die Banken, wenn ständig die gleichen Beträge eingehen, hellhörig werden und die Konten sperren. Die Strohmänner speist er mit ein paar Hundert Euro ab.“ „Adal war so ein Strohmann?“ „Genau. Als er vom Staatsanwalt erfuhr, was der große Guru abkassierte und wie wenig davon für ihn abfiel, beschloss er auszusagen..“ „…was er dann mit dem Tode bezahlte..“ Frederic verstummte. Noch war das Bild des in seinen Armen verblutenden Mannes zu frisch, zu gegenwärtig.
„Hat er Namen genannt?“
Nach einigen Schweigeminuten fragte Nadeshda: „Und? Hat er den Namen genannt?“ „Der Polizei nicht, aber mir. Im Sterben hat er ihn geflüstert. Er wollte noch etwas mit mir besprechen, bevor er sich auf den Deal mit der Staatsanwaltschaft einließ.“ „Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Wie heißt der Drahtzieher, wo wohnt er, weiß es die Polizei schon?“ „Tja, ich habe den Namen nicht richtig verstanden. Türkisch klingt in meinen Ohren irgendwie gleich.“
Nadeshda wollte etwas Zynisches einwerfen, aber Feuerbach fuhr unbeirrt fort: „…allerdings habe ich den Schützen erkannt. Ein Zufall. Ein anderer Fall. Ich beschloss, der Polizei den Boss auf einem Silbertablett zu servieren. Das bin ich meinem Mandanten schuldig. Also habe ich den Schützen der Polizei nicht genannt, sondern habe ihn tagelang beschattet. Bis heute.“ „Und?“ „Was denkst du, warum wir hier seit Stunden in der Blücherstraße herumsitzen und das Haus da drüben beobachten?“ „Das frage ich mich die ganze Zeit.“ „Der Killer ist dort hineingegangen. Nun schon das vierte Mal in den letzten Tagen…“ In diesem Moment kam ein elegant gekleideter Türke aus dem beobachteten Objekt. Frederic rutschte nach unten. „Das ist er.“ Der Typ trat auf den Bürgersteig und ging Richtung Bismarckring davon.
„Und jetzt?“, fragte Nadeshda. „Jetzt gehen wir mal da hoch.“ Auch nach mehrmaligem Klingeln öffnete niemand. Frederic zog sein „Besteck“ hervor und hatte in wenigen Sekunden das Schloss geknackt. Vorsichtig betraten sie die Wohnung. Noch bevor die beiden sich umschauen konnten, hörten sie an der Eingangstür ein Geräusch. Frederic bedeutete Nadeshda, in Deckung zu gehen. Er zog seine Pistole und versteckte sich hinter einer Tür.
Ein fetter, schmieriger Türke kam herein. Schaute sich um. Er war nicht alleine. Freundlich sagte er: „Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus. Wir haben Sie seit Tagen beobachtet. Mein Freund hier schießt sofort.“ Frederic tat wie ihm geheißen.
„Waffen fallen lassen und auf den Boden legen“, brüllte Hauptkommissar Fischer, der zusammen mit fünf SEK-Leuten hinter den Türken hereingekommen war. Nadeshda krabbelte unter einem Schreibtisch hervor: „Wieso Polizei?“ Fischer grinste: „Meinen Sie, ich hätte unseren privaten Schnüffler seit der Schießerei am Sedanplatz auch nur für eine Sekunde aus den Augen gelassen?“

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 29.11.2013, Seite 20

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