Viertelkrimi 03 Delkenheim

Eine Ehe wird observiert

Konspiratives Treffen im Delkenheimer Bürgerhaus: Zunächst erscheint eine kräftige Frau mit einem prall gefüllten Umschlag in der Hand. Kurz darauf folgt ihr ein schlanker, gut aussehender Mann in gelbem Polohemdchen, graukarierter Hose und einer tartangemusterten Schildmütze auf den schwarzen Krauslocken. Er pfeift ein Liedchen munter vor sich hin. „Du Schwein“, stößt die Dicke hysterisch hervor und stürzt sich auf ihn. Er vollführt einen eleganten Seitensprung und sie stolpert an ihm vorbei, direkt in die Arme ihres Ehemanns, der in diesem Moment den Raum betritt.“Du?““Du?“Bevor die Konversation droht noch wortkarger zu werden, erscheint eine vierte Person …Eine Woche zuvor.“Das ist einmalig.“ Feuerbach wusste nicht, ob er weinen oder lachen sollte. „Stell dir vor, Nadeshda, gestern beauftragte mich ein gehörnter Rechtsanwalt, seine Gattin zu observieren. Ich sehe ihn noch vor mir sitzen und losdonnern: ‚Meine Frau geht fremd. Sie hat einen Lover. Einen Golflehrer. Amerikaner! Schwingt seit neustem seine Schläger auf dem Delkenheimer Golfplatz. Ich will Beweise. Wann, wo, wie oft. Danach werde ich dieser Dame zeigen, wer die Bälle schlägt und wohin sie fliegen. Anschließend kann sie sich einlochen lassen. Das ist sie‘. Er hatte mir die Fotografie von seiner Holden zugeschoben.““Mein Mann betrügt mich“Nadeshda, die eigentlich nur gekommen war, um sich bei Frederic ein wenig Kaffee zu borgen, stand Fingernägel feilend gegen den Küchenschrank gelehnt und hob die Schultern: „Na und?““Heute Morgen hatte ich einen Termin in der Alten Mühle in Delkenheim. Eine Frau wollte mich engagieren. Hätte ich gewusst, dass es erneut um eine Ehepartnerbeschnüffelung gehen sollte, wäre ich bestimmt nicht hingefahren. Die Frau hatte blond gefärbtes, messergeschnittenes Kurzhaar, ihr Kopf sah aus wie ein Tennisball, war stark geschminkt und ziemlich gut beieinander, um nicht zu sagen übergewichtig. Sie nippte ab und zu an ihrem aparolgemischten Champagner, während ich mich an einem dickwandigen Glas mit sauergespritztem Apfelwein festhielt. Nach den Begrüßungsfloskeln legte sie sofort los: ‚Mein Mann betrügt mich. Er hat eine Geliebte. Natürlich gefühlte hundert Jahre jünger als er. So ein Schauspielmäuschen von einer Amateurtheatergruppe. Einfach nur peinlich. Ich will alles wissen: wie, wann, wo, wie oft. Dann wird er gerupft wie ein freilaufendes Huhn, und so weiter. Ich dachte, mich grüßt das Murmeltier …““Lieber Frederic, wo ist das Problem? Du musst ja nicht jeden Auftrag annehmen, oder hast du dein Erbe geloost?““… hätte ich auch bestimmt getan, ablehnen, meine ich. Aber du kennst noch nicht den Knaller: Tennisballköpfchen ist Gattin vom Rechtsverdreher!““Nee, oder? Das ist ja abgefahren.““Genau, und da kommst du ins Spiel …“ „Ich?“ „Yes, Miss Marple. Wie wäre es mit deinem ersten Auftrag?“ „Ich … wirklich, ich soll … voll krass eh, so richtig nachschleichen, knipsen, hinter Mauer und Baum in Deckung gehen und solche Sachen? Mach ich. Wann geht’s los?““Krieg dich ein. Heute Abend hat er angeblich einen Mandantentermin. Er ist Schauspieler am Staatstheater. Sie muss angeblich lange arbeiten. Meetings, briefings, conferences und so was eben. Du wartest an der Parkplatzausfahrt des Pharmakonzerns im Max-Planck-Park. Sie ist da ein ganz hohes Tier. Wenn sie raus kommt, folgst du ihr unauffällig und rufst mich an.““Das ist die Frau …“Schon drei Tage später hatten die beiden genügend Material zusammen, um detaillierte Berichte vorzulegen. Der Anwalt traf sich jeden Abend mit einer jungen Frau, einem neuen Ensemblemitglied der Delkenheimer Schauspielgruppe, meist nach deren Vorstellung im Bürgerhaus. Seine Gattin vergnügte sich zeitgleich mit dem Golflehrer im Gästehaus der Domäne Mechthildshausen.Nadeshda hatte fast hundert Fotos geschossen, Feuerbach wesentlich weniger. Er hatte immer noch die alten Papierbilder im Kopf, obwohl er ebenfalls digital fotografierte. Nun saßen beide auf einer Stufe vor der Nordfassade des Ländchesdoms und sichteten das Material auf Nadeschdas iPad. Jedes Bild schauten sie an, besprachen und kommentierten sie. Plötzlich rief Frederic: „Stopp, noch mal zurück. Genau. Kannst du das vergrößern. Ja. Noch mehr. Gut. Siehst du die Frau, die da mit dem Golflehrer spricht?““Ja, kann mich erinnern. Die kam, als mein Observierungsobjekt gerade für kleine Mädchen war. Haben kurz miteinander geredet, dann hat sie sich sofort wieder verdrückt. Ich dachte ich knips die auch mal …““Jetzt wird es spannend. Das ist die Frau, mit der sich der Gatte der Dicken vergnügt!“Nach dieser Erkenntnis verwunderte es Feuerbach kaum, dass schon bald seine Mandanten bei ihm auftauchten, nacheinander und ohne voneinander zu wissen, versteht sich. Aber beide hatten das gleiche Problem.Zurück zur Gegenwart.… Der doppelt gehörnte Ehemann springt auf die Schauspielerin zu und brüllt sie an: „Du verdammtes Miststück!“ Sie erfasst blitzschnell die Situation, dreht sich auf dem Absatz um und stürmt Richtung Ausgang. Da aber sind Frederic und Nadeshda vor. Die beiden versperren grinsend die Tür.Betrogene Betrüger“Ich denke, Sie rücken widerspruchslos alle Bilder und Filmchen, die Sie …“ Feuerbach neigte seinen Kopf zur Schauspielerin hin „… in Ihrer Wohnung und Sie …“ ein kurzes Nicken zum Golflehrer “ … in den Gemächern der Domäne aufgenommen haben.“ Das peinlich berührte und so grandios aufs Kreuz gelegte Ehepaar steht mit verschränkten Armen und voneinander abgewandten Gesichtern völlig sprachlos mitten im Raum. Beide halten immer noch ihre wohlgefüllten Umschläge in Händen.“Damit nicht irgendwelche Kopien in Zukunft neue Verlockungen hervorrufen, unterschreiben Sie diese Geständnisse, die Ihnen meine Assistentin nun vorlegen wird. Ich werde sie aufbewahren. Sollte allerdings eins der kompromittierenden Materialien auftauchen, wie auch immer, lege ich die Schriftstücke der Polizei vor.“Nach nicht ganz freiwilliger Unterzeichnung der Papiere verschwindet das Betrügerduo, dann das betrogene Ehepaar. Alle vier mit hängenden Köpfen. „In deren Haut möchte ich nicht stecken. Aber jeder spielt halt sein eigenes Spiel“, sinniert Feuerbach laut und wirft Nadeshda den Autoschlüssel zu: „Harry, hol schon mal den Wagen!“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s