Viertelkrimi 20 Medenbach

Erst fällt das Motorrad um, dann rasr es davon

Apfelwein war nie Feuerbachs bevorzugter Durstlöscher. An heißen Tagen einen sauer Gespritzten war ganz o.k.. Allerdings hatte er Freunde, die auf dieses Getränk schworen. So auch der bekannte Frankfurter Krimiautor Jakob Seemann. Um ihm eine Freude zu machen, hatte Frederic ihn nach Wiesbaden zu einer Apfelweinverkostung eingeladen. Der „Medenbacher Streuobstkreis“ veranstaltete im Keller der Hofreite eine Verkostung des im letzten Jahr angesetzten „Stöffche“.
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Die amtierende Apfelweinkönigin, die die Fässer anstach, hatte es dem Detektiv ermöglicht, an diesem Ereignis teilzunehmen. Die Königin hatte Feuerbach bei einem anderen Fall, den er vor längerer Zeit gelöst hatte, kennengelernt. Sechs Apfelweine wurden getestet. Frederic schmeckte kaum einen Unterschied, aber Seemann schwärmte fachkundig bei jedem neuen Glas: „Der ist mild“ oder „der hat wenig Säure“ oder „ganz schön gehaltvoll“ oder „fruchtig“.
Ein Flugzeug brummt heran
Gegen Mitternacht hatte Feuerbach seinen Freund, der leicht schwankte und kräftige Unterstützung benötigte, hinausgeführt. Sie wollten noch etwas frische Luft schnappen, bevor sie sich ein Taxi riefen. Als sie so durch die wolkenverhangene Nacht hoch zur Fritz-Erler-Straße schlenderten – kein Mond, keine Sterne waren zu sehen – hörten sie über sich ein Geräusch, das stetig lauter wurde. Es entpuppte sich als das Brummen eines einmotorigen Flugzeugs, das sich von Osten her näherte und dann Richtung Nordwest abdrehte.
„Die fliegen hier aber tief oder findet der Pilot den Flugplatz nicht?“, fragte Seemann und schwankte alleine weiter. Nach ein paar Metern erreichte er die Kirche, betrat das Gelände, stolperte die Treppe hinunter, setzte sich auf den Boden, mit dem Rücken gegen die Steinmauer gelehnt. Frederic war ihm langsam gefolgt, als plötzlich ein Motorrad aus der Brückenstraße geschossen kam, beim Abbiegen schleuderte, hinschlug und mitten auf der Straße liegen blieb. Der Fahrer hatte sich abgerollt, quälte sich benommen auf, wuchtete seine Maschine hoch und schaute sich gehetzt um. Als er sah, dass der Detektiv auf ihn zukam, sprang er auf seinen Bock und raste davon.
Ganz früh am nächsten Morgen war Frederic schon wieder in Medenbach, allerdings stand er nun auf einer Streuobstwiese, genauer gesagt, zwischen zwei Apfelbäumen im sogenannten Sortengarten am Rande Medenbachs in Richtung Wildsachsen. Hier wurden Bäume mit alten Apfelsorten angepflanzt und gepflegt.
Der Detektiv ist müde
Die Müdigkeit war ihm ins Gesicht geschrieben, er gähnte unentwegt, während weiß gekleidete Beamte der Wiesbadener Kriminalpolizei um ihn herumwuselten und Spuren sicherten. Fischer hatte ihn angerufen, da Feuerbach eine Woche zuvor dem Kriminalbeamten bei ihrem regelmäßigen Schachabend, von seinem Plan, mit Seemann zur Apfelweinprobe zu gehen, erzählt hatte. Die Leiche, die unter einem „Kloppenheimer Streifling“ gefunden wurde, war einer der Teilnehmer der abendlichen Runde. Der Kommissar wollte von dem Detektiv wissen, ob seinem Schnüfflerauge etwas aufgefallen war. Der etwa 40-jährige Mann war erschlagen worden. „Mit einem schweren, metallenen Gegenstand, wahrscheinlich“, sagte einer der Beamten und fügte hinzu: „Mit großer Gewalt, sehr brutal.“ Nadeshda, die Frederic mit ihrer Vespa nach Medenbach gefahren hatte, kämpfte mit starker Übelkeit, nachdem sie einen Blick auf den Kopf der Leiche geworfen hatte. „Nee, nichts Besonderes, außer viel Apfelwein, jede Menge Fachchinesisch und einer ausgelassenen Stimmung. Ob der Tote mit dabei war, kann ich so nicht sagen. Das Gesicht ist nicht mehr zu erkennen“, erklärte der Detektiv. Bevor Fischer weiter fragen konnte, trat ein Spusi-Mann heran: „Wir haben Reifenspuren gefunden. Von einem Motorrad. Ziemlich frisch…“ Feuerbach unterbrach ihn: „Stimmt.“ Und dann erzählte er dem Kommissar vom Unfall und dem Flugzeug.
Sturz des Motorradfahrers
Fischer, Frederic und Nadeshda wurden von einem uniformierten Beamten zu der Stelle gefahren, an der der Motorradfahrer gestürzt war. Deutlich waren bei Tageslicht die Spuren zu erkennen, wo die Maschine entlang geschlittert war. Scheinbar hatte sich der Fahrer doch schwer verletzt, da deutlich eine Blutlache zu sehen war. Sofort wurde die Straße gesperrt. Nadeshda, immer noch ziemlich blass und wackelig auf den Beinen, setzte sich auf den Randstein des Bürgersteigs. Eher automatisch schaute sie sich um und stutzte. Unter dem geparkten Wagen ihr gegenüber glänzte etwas. Silbrig. Rechteckig. „Hey, Herr Detektiv! Da, unter dem Opel.“ Feuerbach ging hin, bückte sich und zog stöhnend einen metallenen Behälter hervor. Sofort war der Kommissar bei ihm. „Loslassen, Frederic. Du verwischst doch Spuren.“ Fischer streifte sich Handschuhe über und hob den Kasten hoch. „Man, der ist aber schwer und schau dir das an!“ Eine Ecke war blutverschmiert und eine gräuliche Masse klebte daran.
Pech gehabt!
„Der arme Kerl hatte einfach nur Pech“, erzählte am Abend Feuerbach seinem Freund am Telefon. „Er wollte den getrunkenen Apfelwein genau an der Stelle loswerden, wo der Metallbehälter, den die Schmuggler abgeworfen hatten, heruntergesaust kam und ihm auf den Kopf krachte. 50 Kilogramm reinstes Kokain. Marktwert etwa sieben Millionen Euro. Fischer hat schon die Information von der Flugüberwachung, welches Flugzeug da im Tiefflug über Medenbach gekreist ist.“

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 29.04.2014, Seite 20

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