Viertelkrimi 12 Südost

Viertelkrimi 12 Südost

K.-o.-Tropfen für den Staatsanwalt

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 23.07.2013, Seite 18

Von Richard Lifka
Wiesbaden . „Auf den Filmabend hatte ich mich sehr gefreut. Sie müssen wissen, die Berliner Bar 25 war während meines Studiums wie mein zweites Zuhause. Soll dieses Jahr wieder eröffnet werden, habe ich gelesen. Deshalb hat mich der Film, der letzte Woche im Schlachthof gezeigt wurde, stark interessiert. Ich bin alleine hin. Meine Frau hatte einen anderen Termin. Es war eine tolle Atmosphäre, ich unterhielt mich mit einigen Leuten, trank etwas – und dann weiß ich nichts mehr.“ Gerd Maierhof, Staatsanwalt am Wiesbadener Landgericht, saß in Feuerbachs Wohnung, setzte seine Brille ab und rieb sich die Augen. Der Detektiv wartete, bis er fortfuhr.
Aufgefunden in Roter Meile
„Als ich zu mir kam, lag ich im Krankenhaus. Bei der polizeilichen Befragung wurde mir erzählt, man habe mich in einem Zimmer der Roten Meile aufgefunden. In meiner Blutprobe fand das Labor Reste von GBL und größere Mengen von Ketamin und Benzodiazepine.“
„Mit anderen Worten: K.-o.-Tropfen!“, stellte Frederic fest. „Genau. Muss mir jemand in mein Glas gemischt haben. Warum? Um mich zu vergewaltigen? Um mich auszurauben? Da gab es wenig zu holen…“ Ein gequältes Lächeln umspielte seinen Mund. „…weder noch. Kann mich an nichts mehr erinnern, was in der Zeit meines Blackouts mit mir geschehen ist. Das wäre alles nicht so schlimm, mir ist ja kaum was passiert. Aber in einem Bordell! Irgendeiner meiner Kollegen wird reden und dann sehe ich die Schlagzeilen schon vor mir: Staatsanwalt im Rotlichtmilieu. Hinzu kommt, dass meine Frau die Geschichte mit den K.-o.-Tropfen keinesfalls glauben wird. Unsere Beziehung steht momentan auf wackligen Beinen, wenn ich das so umschreiben darf. Vielleicht könnten Sie…“
Einen Tag nach diesem Gespräch ging es Schlag auf Schlag. Die Medien stürzten sich auf den Fall, allen voran diverse Boulevard-Magazine. Das Leben Maierhofs wurde ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt.
Herzstillstand der Richterin
Noch bevor sämtliche Details breitgetreten waren, entdeckte ein Wachmann vor dem Haupteingang des Justizzentrums in der Mainzer Straße eine weibliche Leiche. Sie war wie eine Prostituierte zurechtgemacht und in obszöner Pose abgelegt worden. Die Identifizierung dauerte keine Stunde. Es handelte sich um die 38-jährige Ursula Schöne, Richterin am Wiesbadener Landgericht. Herzstillstand aufgrund einer Überdosis von K.-o.-Tropfen stellte der Gerichtsmediziner fest. Schnell wurde ein Zusammenhang zwischen ihr und dem Staatsanwalt hergestellt. In einem Prozess gegen eine Gruppe von Mädchenhändlern aus dem Kosovo war Schöne die Vorsitzende und Maierhof vertrat die Anklage. Vier skrupellose Männer, die Mädchen und Frauen aus osteuropäischen Ländern nach Deutschland verschleppt und hier zur Prostitution gezwungen hatten, standen momentan vor Gericht. Nicht nur für die Öffentlichkeit war der Zusammenhang sofort klar, die eingerichtete Sonderkommission ermittelte ebenfalls in diese Richtung.
„Es ist wie mit jeder Droge. Auf die Dosierung und Zusammensetzung kommt es an. Sie kann helfen, stimulieren, beruhigen, kann aber auch aufputschen bis zur Ekstase, dein Bewusstsein und deine Handlungsfähigkeit ausschalten und kann auch tödlich sein…“, resümierte Feuerbach, der neben Nadeshda an der Bar des Bistro Kontext saß. Der Detektiv rührte nachdenklich in seinem Espresso.
Ü-30-Party um die Ecke
„Weiß ich Frederic. Der Hammer bei diesen K.-o.-Tropfen ist ja, dass man sie, in ein Getränk gemischt, weder sieht, riecht noch schmeckt. Ich habe mal im Netz gegoogelt. Offiziell heißt das Zeug Gamma-Hydroxybuttersäure, kurz GHB genannt. Um es selbst herzustellen, brauchst du dir nur Gamma-Butyrolacton, also GBL zu bestellen. Das ist ein Lösungsmittel, das man für die Herstellung von Farben und Lacken verwendet, und ist somit frei zu erwerben…“ „Weiß ich, Nadeshda. Was mir aber nicht weiter hilft. Erst Maierhof und jetzt die Richterin…“ „Ist schon raus, wo sie die Tropfen verabreicht bekam?“ „Kommissar Fischer meint, bei dieser Ü-30-Party in der Christian-Bücher-Halle wahrscheinlich, gleich hier um die Ecke – mehr wollte er nicht sagen.“
Unter Polizeischutz
Wie verabredet stieß wenige Minuten später Maierhof zu den beiden, und sie setzten sich an einen der freien Tische. Er war blass, fahrig und seine Augen zuckten unentwegt. „Ich stehe unter Polizeischutz“, murmelte er. „Der Typ da drüben ist mein Bodyguard – haben Sie schon was herausgefunden?“ Frederic ließ sich Nadeshdas Tablet-PC geben und öffnete eine Bildergalerie. „Das sind Fotos, die an dem Abend im Schlachthof gemacht wurden, und die wir in der Kürze der Zeit auftreiben konnten. Sehen Sie, hier sind Sie, ziemlich deutlich. Schauen Sie sich die anderen an, vielleicht fällt Ihnen etwas auf oder Sie erkennen jemanden?“
„Was haben Sie gesehen?“
Maierhof versuchte, sich zu konzentrieren, starrte ein Bild an, klickte zum nächsten. Plötzlich hielt er inne. Klickte zurück. Wischte mit Daumen und Zeigefinger über das Display, um die Aufnahme zu vergrößern. Schob es hin und her. Abrupt stand er auf, wollte das Lokal verlassen. Feuerbach fasste ihn am Arm, zog ihn auf den Stuhl. „Was haben Sie gesehen?“
Zaghaft deutete er auf eine Frau mit langen schwarzen Haaren und einer dunklen Sonnenbrille. „Wer ist das?“ Maierhof schluckte. „Ich glaube … glaube … meine Frau. Mit der Perücke hätte ich sie fast nicht erkannt.“ Er brach zusammen, schlug fast mit dem Kopf auf die Tischplatte, begann hemmungslos zu weinen. Der Bodyguard am anderen Tisch sprang auf, Frederic machte ihm ein beruhigendes Zeichen. „Mein Gott, Ursula…“, wiederholte er mehrmals mit immer mehr erstickender Stimme. „Ursula?“, flüsterte Nadeshda die Frage in Feuerbachs Ohr. „Ich dachte, seine Frau heißt Katharina.“
„Stimmt und die K.-o.-Tropfen-Attacken waren auch keine Anschläge von Kosovo-Gangstern. Ein simples Eifersuchtsdrama. Staatsanwalt hat Affäre mit Richterin, und hintergangene Ehefrau wischt den beiden eins aus. Vielleicht hatte Katharina unbewusst die Dosis für Ursula zu hoch angesetzt.““Und wie kam Herr Staatsanwalt ins Bordell?“ „Ein Geheimnis dieser Familie, das die Presse noch nicht gelüftet hat. Katharina hatte, um ihr Studium zu finanzieren, ebendort gejobbt. Wahrscheinlich verfügt sie noch über die entsprechenden Kontakte.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s