Viertelkrimi 01 Rheingauviertel

Domschatz im Denkmal

Wiesbaden . Frederic Feuerbach, Detektiv aus Leidenschaft, verließ nach seinem allmorgendlichen Frühstück das Café Klatsch. Die ersten Strahlen der aufziehenden Frühlingssonne zwängten sich durch die noch kahlen Äste der Bäume in der Eltviller Straße und wärmten sein Gesicht. Er schlenderte bis hoch zum 2. Ring um über die Assmannshäuser- in die Oestricher Straße zu gelangen. Als er sich dem Bauarbeiterdenkmal näherte, sah er dort zwei Polizisten stehen, die auf den unteren Teil starrten. Der Sockel war beschädigt. Mit roher Gewalt hatte jemand ein großes Loch hineingeschlagen. Feuerbach tippte auf Hammer und Meißel. Kopfschüttelnd fotografierte einer der Beamten den Schaden, der andere schrieb ein Protokoll. Frederic ging weiter, überquerte erneut den Ring, um zu seiner Wohnung in der Marcobrunner Straße zu gelangen. Noch bevor er die Stufen zur Haustür erreichte, kam aus dem Nachbarhaus eine junge Frau gerannt. Sie blieb weinend am Straßenrand stehen. Der Detektiv wandte sich ihr zu: „Kann ich Ihnen helfen?“ Sie schüttelte den Kopf, die langen dunkelbraunen Haare fielen ihr ins Gesicht.

„Wirklich nicht?“
„Ich warte auf den Notarztwagen“, presste sie schluchzend hervor und wie auf Kommando kam ein Krankenwagen mit Blaulicht um die Ecke geschossen.
„Zweiter Stock, rechts, bei Beck“, rief sie dem Notarzt zu und wollte ihm folgen, knickte aber mit einem Bein weg und kam ins Stolpern. Feuerbach konnte sie im letzten Moment auffangen. Nicht wie erwartet richtete sie sich sofort wieder auf, sondern blieb in seinen Armen liegen.
„Er ist tot“, wimmerte sie. „Wer ist tot?“
„Mein Großvater. Er muss …“ Der Rest ging in heulendem Elend unter.
Zehn Minuten später hatte Feuerbach die zierliche Frau wieder aufgerichtet, dass er sie das Treppenhaus hinauf bugsieren konnte. Wie selbstverständlich hatte sie ihn mit in die Wohnung gezogen. Im Wohnzimmer, neben einem antiken Holztisch lag ein alter, fast kahlköpfiger Mann. Eine tiefe Wunde klaffte am Hinterkopf.
Der Notarzt richtete sich auf.
„War nichts mehr zu machen“, stellte er sachlich fest, „schon ein paar Stunden tot. Scheinbar gestürzt und gegen die Tischkante geschlagen.“
Am nächsten Morgen saß Feuerbach wie gewöhnlich im Café Klatsch. Gerade tunkte er ein Croissant in den Kaffee, als sich die junge Frau von gestern neben ihn setzte.
„Störe ich? Ich wollte mich bei Ihnen bedanken. Das war sehr nett. Ich heiße Nadeshda. Von einer Nachbarin habe ich erfahren, wo ich Sie finde. Außerdem sagte sie mir, Sie seien so etwas wie ein Privatdetektiv.“ So, so, die Nachbarin, dachte Feuerbach und bemerkte erst jetzt, dass ein abgebrochenes Croissantstück in seinem Kaffee schwamm. Er betrachte Nadeshda genauer. Sie ist höchstens 18 oder 19, schätzte er. Feines, schmales Gesicht, kleine Stupsnase.
Das war kein Unfall!
„Geht es Ihnen besser? Das mit Ihrem Großvater tut mir leid. Wie alt war er denn?“ Was sollte er sonst sagen?
„Neunundachtzig. War aber voll gesund. Total fit. Ich war ein halbes Jahr auf Achse, bin gestern zurückgekommen. Zwei Wochen früher als geplant.“ Sie zögerte einen Moment, fuhr dann mit fester Stimme fort: „Ich glaube nicht, dass es ein Unfall war.“ Feuerbach wurde hellhörig. „Was sonst?“ Wortlos zog Nadeshda einen handgeschriebenen Brief hervor und gab ihn Feuerbach. „Lesen Sie. Den fand ich in einem frankierten Umschlag in seiner Manteltasche. Wollte ihn wohl zur Post bringen.“
„Meine geliebtes Engelchen! Da du noch einige Zeit in Amerika weilen wirst, schreibe ich dir, was es Neues gibt. Vor einer Woche lernte ich Wolfgang Reichwein kennen. Er sagte, er lebe auch schon über 50 Jahren hier im Viertel. Merkwürdigerweise sind wir uns nie begegnet. Er saß im Café Gehlhaar, du weißt, wo ich wie eh und je meinen geliebten Käsekuchen esse und hat mich angesprochen. Schnell kamen wir ins Gespräch, erinnerten uns alter Zeiten und, du wirst es nicht glauben, sein Großvater, Mattheus Reichwein und mein Vater waren Freunde und Arbeitskollegen gewesen. Bis 1924, bis das Unglück geschah.
Die beiden haben damals den Sockel für das Bauarbeiter-Denkmal von dem Bildhauer Carl Wilhelm Bierbrauer gemauert, das heute noch oben an der Oestricher Straße steht. Dabei gerieten sie in Streit und Matheus hat deinen Urgroßvater erschlagen.
Wolfgang Reichwein hat nun einen Brief seines Großvaters gefunden, den dieser 1944 an der russischen Front geschrieben hatte. Er war nach seiner Tat zu lebenslanger Haft verurteilt worden, später dann, als Hitler die Soldaten ausgingen, wurde er in den Krieg geschickt, wo er kurz darauf starb. Nun ja, das mit der Ermordung war mir schon mehr oder weniger bekannt.
Vollkommen neu für mich war allerdings, dass dein Urgroßvater und Wolfgangs Vater gemeinsam einen Diebstahl begangen hätten. Und zwar bei den Restaurierungsarbeiten am Mainzer Dom, wobei ja ein großer Teil des Domschatzes in Bischofsgräbern wiedergefunden wurde. Die beiden sollen sich heimlich etwas abgezweigt haben und seien später darüber in Streit geraten.
Matheus habe kurz vor seiner Verhaftung die Beute versteckt. Außerdem hätte einen zweiten Brief an den Sohn meines Vaters, also an mich, geschrieben. Darin bereue er seine Tat zutiefst und verriete, wo er die Beute versteckte. Klingt ganz schön abenteuerlich, nicht wahr? Du kannst dir vorstellen, dass ich mich zu Hause sofort auf den Speicher begeben habe. Du kennst den großen alten Lederkoffer. Darin lagen völlig eingestaubt alte Fotografien, Briefe und Postkarten. Und wirklich. Ein ungeöffneter Feldpostbrief von einem Matheus Reichwein war dabei. Was darin stand, erzähle ich dir lieber persönlich (ich weiß, das ist jetzt frech, aber vielleicht habe ich deine Neugier geweckt und du kommst bald zurück zu deinem Großväterchen, das dich so vermisst und das dich gerne noch einmal sehen möchte, bevor ich diese Welt verlasse). Ich muss jetzt Schluss machen, denn Wolfgang hat sich angesagt. Wir wollen noch ein bisschen über alten Zeiten quatschen. Sei gegrüßt und geküsst.“
Feuerbach gab das Schreiben zurück. Nadeshda faltete es zusammen und sah Frederic direkt in die Augen.
„Dieser Brief an meinen Großvater war nirgends zu finden. Sie denken das Gleiche wie ich. Wolfgang Reichwein wohnt in der Hallgarter Straße. Das habe ich gegoogelt. Wollen wir hingehen?“
„Ich denke, das sollten wir der Polizei überlassen.“

„In der Wohnung von Wolfgang R. fand die Kriminalpolizei einen staubigen, blutbeschmierten Hammer und einen Meißel. Außerdem eine Schatulle aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Darin befanden sich 172 Münzen und Medaillen. Nach ersten Schätzungen hatte das alles einen Wert im sechsstelligen Euro-Bereich“, las Frederic zwei Tage später aus der Zeitung vor und blickte Nadeshda an: „Gute Arbeit, Miss Marple!“

„Miss was??“

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