Viertelkrimi 11 Biebrich

Wirre Träume helfen gegen Erpressung

Wiesbaden . Jürgen Grabowski holt sich im Café an der Ecke zur Rathausstraße ein Spaghetti-Eis, überquert mit dem Becher in der Hand die Rheingaustraße und setzt sich an der Uferpromenade unter den noch kahlen Bäumen auf eine Bank. Er blickt über den Rhein hinüber zur Rettbergsaue. Ein Frachtschiff schiebt sich vorüber, voll beladen mit Behältern, auf denen das Logo der Firma Dyckerhoff prangt. Wie aus dem Nichts taucht Nadeshda auf und nimmt neben dem ehemaligen Fußballnationalspieler Platz. Beide starren unbeweglich auf den Fluss, währenddessen sich ein älterer Herr mit spärlichem weißen Haar und einem grauen Spitzbart zu Nadeshda setzt. Er beißt genussvoll in ein Stück Pizza, neigt den Kopf zur Seite und flüstert schmatzend: „Jede Weltanschauung ist historisch bedingt, sonach begrenzt, relativ.“
Plötzlich schreckt Grabowski auf und reißt sich Schuhe, Anzug und Hemd vom Leib. Zum Vorschein kommen ein Trikot, Shorts und Stulpen in den Farben der Frankfurter Eintracht. Er sprintet zum Ufer, springt in den Fluss und krault los. Er greift nach etwas, das im Wasser schwimmt. Er schleppt es mit sich und rudert zurück an Land. Triefend steigt der Weltmeister aus den Fluten und hebt den rechten Arm. In der Hand hält er einen abgetrennten Pferdekopf …
2013 06 Viertelkrimi 11 Biebrich_001„Was für ein blöder Traum!“
Unheil verkündend begann das nervende Rasseln. Es dauerte, bis Feuerbach realisierte, dass es sein Wecker war. Stöhnend hob er die Augenlider. „Was für ein blöder Traum!“, brummelte er. Auf dem Weg zur Kaffeemaschine schüttelte er den Kopf darüber, was seine 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn so an Gedankenbildern produzieren können. Elektrische Impulse, die sich zu bizarrem Geschehen zusammensetzen, ganz wie die Bits und Bytes in Nadeshdas Computer. Allerdings behaupten Traumforscher, dass wir im Schlaf lernen, mit Angstsituationen umzugehen. Während Frederic den heißen Kaffee schlürfte und Rauchkringel in die Luft blies, versuchte er, seinen Traum zu deuten. Grabowskis Erscheinen war leicht zu erklären, immerhin hatte der Detektiv am Samstag im Waldstadion gesessen und mit Tausenden Fans die Eintracht zum Sieg gebrüllt. Der Pferdekopf musste seinen Ursprung in der Nachricht vom Tod eines Pferdes beim Pfingstturnier haben.
Die Pizza hing mit Brunos Besuch von vor acht Wochen zusammen. Der Pizzabäcker war es schließlich, der ihn in diese Situation gebracht hatte. Bisher hatte er den kleinen Italiener nur als lustigen Spaßmacher gekannt. Diesmal jedoch war Bruno auffallend nervös. Er berichtete, dass alle Biebricher Pizzerien seit Monaten zu Schutzgeldzahlungen gezwungen wurden. Von dem Brand in seiner und in Giovannis Pizzeria habe Feuerbach ja in der Zeitung gelesen. Nun seien die Betroffenen zu dem Entschluss gekommen, dem Spuk müsse ein Ende gemacht werden.
Informanten der Mafia
Sie wollten keinesfalls eine Anzeige erstatten. Schließlich wüsste niemand, ob hinter den zwei Erpressern eine Organisation stünde. Wäre das so, so könnten die Folgen ziemlich tödlich sein. Außerdem hätte – Bruno begann zu flüstern – die Mafia ihre Informanten überall. Da nun sollten Feuerbach und sein guter Draht zur Polizei ins Spiel kommen. Vielleicht gäbe es eine Möglichkeit, den beiden das Handwerk zu legen, so auf dem kleinen Dienstweg, ohne die gesamte Wiesbadener Kavallerie in Bewegung zu setzen.
Der Zwei-Phasen-Plan
Frederic hatte sich an seinen alten Freund Hauptkommissar Fischer gewandt. Nach langem Hin und Her hatte sich der Beamte überreden lassen und den Zwei-Phasen-Plan entwickelt. Phase eins: Feuerbach heuerte bei Bruno an und stand jeden Tag hinterm Tresen, zapfte Bier und füllte Chianti in Gläser. Nadeshda mutierte zur Kellnerin und schleppte die Getränke und Speisen an die Tische. Irgendwann tauchten dann die Erpresser auf, und Frederic gelang es einerseits mit gebrochenem Deutsch „Ich Bruder von Schwester von Brunos Frau“, Vertrauen zu erlangen und andererseits mit einer versteckten Kamera die Geldübergabe zu filmen.
Nachdem Fischer die Aufnahmen analysiert hatte, war klar, dass die beiden Typen polizeibekannte Zwillingsbrüder aus Offenbach waren, die auch dort schon ihr „Versicherungsmodell“ durchgezogen hatten. Anscheinend gehörten sie keiner kriminellen Organisation an. Heute Abend begann Phase zwei und Frederic wurde es zunehmend mulmiger zumute.
Der Detektiv saß hinter Nadeshda auf deren Vespa und zeigte wenig Interesse an dem prächtigen Anblick von Villen und Bäumen der Biebricher Allee. Am liebsten hätte er seine Assistentin gebeten, vor Haus 107 zu stoppen. Dort war die Praxis seiner Hausärzte. Vielleicht schrieben sie ihn ja krank oder verpassten ihm zumindest eine Beruhigungsspritze. „Träume süß“, kritisierte er sich selbst. Als sie abbogen, um am Schlosspark entlang zu fahren, klärte sich auch, warum ihm vergangene Nacht der schmatzende Philosoph erschien. Jeden Tag der letzten Wochen war er am sogenannten Dilthey-Haus vorbeigefahren, wo das Hinweisschild gut leserlich an dem alten Fachwerkhaus angebracht war. Dann passierten sie noch die beiden Gebäude, den einstigen Familiensitz der Zementdynastie, bevor sie auf den Platz Am Jägerhof ankamen und neben dem Brunnen hielten. Den Rest des Weges gingen sie zu Fuß.
Im Lokal nahm Feuerbach seine Position hinterm Tresen ein, Nadeshda bediente. Alles war wie sonst, außer, dass die Besucher verkleidete Polizisten und Polizistinnen waren. Gegen 20 Uhr erschienen die Zwillinge, grüßten kalt und verlangten nach Bruno. Dieser kam zitternd aus der Küche, in der Hand einen dicken Umschlag. Als einer der Erpresser danach griff, sprangen die Beamten auf. Fischer stürmte mit gezogener Pistole nach vorne. Noch bevor jemand reagieren konnte, schlug einer der beiden Verbrecher dem Kommissar gegen den Arm, dessen Waffe flog im hohen Bogen durchs Lokal. Der Zweite zog blitzschnell seinen Revolver und begann zu schießen. Nadeshda schrie auf. Mehrere Personen warfen sich auf ihn. Rissen ihn zu Boden. Der andere wollte flüchten. Fischer schickte ihn mit einem gezielten Faustschlag schlafen. Was der nun träumte? Nadeshda lag vor dem Tresen. Frederic stürzte zu ihr hin und beugte sich über sie. Sie schlug die Augen auf: „Wusste gar nicht, dass ein Treffer auf die schusssichere Weste so verdammt wehtut. Relativ.“

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 17.06.2013, Seite 18

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