Viertelkrimi 22 Mainz-Kastel & Kostheim

Wenn der Glühwein nach KO schmeckt …

Frederic Feuerbach umschloss den Becher und wärmte sich daran die klammen Hände. Das Duftgemisch aus gegrillter Bratwurst und heißen Maronen wurde nun vom zimtigen Glühwein überdeckt. Es war nicht frostig im Kasteler Adventsdorf auf dem Hof der Reduit. Dennoch krabbelte eine unangenehm feuchte Kälte in seine Füße und die Beine hinauf. Was man nicht so alles macht, dachte er und schaute hinüber zu Nadeshda, die enthusiastisch versuchte, einen Mann davon zu überzeugen, wie wichtig es sei, syrischen Flüchtlingen Asyl zu gewähren.
2014 12 19 Wiesbadener Kurier

Frederic schleppt Kartons
Die Wiesbadener Organisation Der Hilfe Helfen hatte auf dem Adventsmarkt eine Hütte angemietet und sie Institutionen zur Verfügung gestellt. Halbtäglich wechselten sich unterschiedliche Gruppen ab. Heute war, nach einer Schülerinitiative der Kostheimer Gesamtschule, die um Spenden für ein Waisenhaus im Kongo geworben hatte, der Arbeitskreis Proasyl gekommen, deren Mitbegründerin Nadeshda war. Sie hatte Frederic überredet, ihr beim Standdienst zu helfen. Seine Hilfe bestand im Wesentlichen darin, Verpflegung zu besorgen und Kartons zu schleppen. Das Gelände hatte sich gefüllt und die vorweihnachtliche Stimmung kam in Schwung.
Gerade wollte er am Glühwein schlürfen, als vom Eingang her eine etwa 25-jährige Frau torkelnd auf die Hütte zukam. Sie schaute sich mit tränenfeuchten Augen verwirrt um, ihre Kleidung war verschmutzt, in einer Hand hielt sie eine offenstehende Tasche. Feuerbach stellte das Getränk ab und ging ihr entgegen.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Sie starrte ihn an. „Weiß nicht“, stammelte sie und stürzte nach vorne. Er konnte sie gerade noch auffangen, führte sie vorsichtig in die Hütte und setzte sie auf einen Stuhl. Nadeshda kam hinzu. „Besoffen?“ „Ich rieche keinen Alkohol“ und an die Frau gewandt: „Wie heißen Sie?“ „Weiß nicht.“
Nadeshda ging los: „Ich hole einen Sanitäter.“ Plötzlich nahm die Frau ihre Handtasche und schüttete den Inhalt aus. Einige Sachen fielen zu Boden. Sie wühlte in den Utensilien herum. „Wo ist mein Wohnungsschlüssel? Ich muss nach…“ „Wo kommen Sie her“, versuchte Feuerbach erneut. „War da vorne am Stand“, sie deutete in alle Richtungen. „Glühwein … Bratwurst … und dann bin ich am Rheinufer aufgewacht…“ „Wie sind Sie dort hingekommen?“ „Weiß nicht. Oh mein Kopf … mir ist schlecht.“ „Haben Sie Drogen genommen?“ „Nee, oder? Einen Glühwein … dann … weiß nicht.“ Zwei Sanitäter kamen gerannt und kümmerten sich um sie. „Sie muss ins Krankenhaus“, sagte der eine und forderte eine Trage an. Frederic nahm ihn zur Seite. „Das sieht nach K.-o.-Tropfen aus. Sofort untersuchen und die Polizei informieren.“ Als sich die Schaulustigen verzogen hatten, begann der Weihnachtschor Palettis Gospelsongs vorzutragen.
Unterm Tisch liegt etwas
Feuerbach ging zurück in die Hütte und sah unter dem Tisch etwas liegen. Er bückte sich, hob es auf. Ein Ausweis. Jennifer Diehl. Kostheimer Wohnadresse. Kurz entschlossen überzeugte er Nadeshda, dass sie ohne ihn gut zurechtkäme, ließ sich den Zündschlüssel ihres Motorrollers geben und nannte ihr die Adresse. Er verließ den Adventsmarkt. Wenig später stellte Feuerbach die Vespa am Weinbrunnen ab, und schritt am Platz entlang auf ein Wohnhaus zu. Es war dunkel, die Straßenbeleuchtung eingeschaltet und hinter Fenstern blinkten bunte Lichterketten. In besagtem Haus brannte nur im Parterre Licht, das in diesem Moment ausgeschaltet wurde.
In der Wohnung darüber meinte er, einen Lichtstrahl hin und her huschen zu sehen. An der Haustür studierte er die Namensschilder. Neben dem mittleren Klingelknopf stand der gesuchte Name. Wie im richtigen Krimi öffnete sich die Haustüre, ein Mann trat heraus, grüßte Frederic und ging davon. Flugs huschte er ins Treppenhaus und schlich in den ersten Stock.
Die Tür zu Jennifers Wohnung war nur angelehnt. Auf Zehenspitzen glitt er hinein. Nichts. Kein Geräusch. „Hallo, ist da…“ Noch bevor Feuerbach die Frage beenden konnte, traf ihn etwas von hinten, ein stechender Schmerz durchzuckte seinen Kopf, und er verlor das Bewusstsein.
„Süßer die Glocken nie…“, tönte es aus dem Autoradio, während Frederic versuchte, sich zu erinnern. Wo war er und vor allem, was veranstaltete der Presslufthammer in seinem Kopf? Stimmen aus weiter Ferne. Schlafen oder aufwachen? Frederic entschied sich für Letzteres und hätte fast losgeschrien, als er direkt in die Augen von Kriminalhauptkommissar Fischer blickte.
„O du fröhliche…“
„O du fröhliche, Herr Privatdetektiv. Willkommen in der Wirklichkeit.“ Dem Polizisten war die Erleichterung anzuhören, als er fortfuhr: „Deine Alleingänge treiben dich ins Grab und mich in den Wahnsinn. Hättest du nicht fünf Minuten warten können? Ich habe mich sofort nach Nadeshdas Anruf auf die Socken gemacht. Aber wer nicht hören will, bekommt Beulen.“ Feuerbach richtete sich auf: „Alles halb so schlimm“, brummte er, woraufhin der Presslufthammer die Schlagzahl erhöhte.
Einen Eisbeutel mit der linken Hand auf den Hinterkopf drückend, die Füße hochgelegt und in der rechten ein Glas mit aufgelöster Aspirintablette, saß Feuerbach in Nadeshdas Zimmer und blickte nachdenklich zu dem Adventskranz, auf dem eine Kerze brannte. Manuel, Nadeshdas Freund, betrat den Raum, einen Suppenteller tragend: „Heiße Hühnersuppe. Ist gut gegen alles und besonders bei niedergeschlagenen Detektiven anzuwenden. Hat meine Großmutter immer gesagt. Du musst sie so heiß wie möglich essen.“ Als Frederic etwas sagen wollte, hob Nadeshda warnend den Finger: „Keine Wiederrede, keine Ausrede. Essen und Schluss.“
Nach der Suppe und einem neuen Eisbeutel erfuhr Frederic, dass ein älterer Mann mit einer Taschenlampe in der Hand Kommissar Fischer direkt in die Arme gelaufen war, als dieser unten vor der Haustüre stand. Da er sich merkwürdig benahm, hielt er ihn kurzerhand fest. Was sich als richtig erwies, denn er hatte Feuerbach niedergeschlagen und Jennifer die K.-o.-Tropfen verabreicht. „Warum?“, wollte Frederic wissen. „Ach, wie alle Jahre wieder. Ehemann betrügt Gattin mit Jüngerer. Geliebte will heiraten. Was wiederum Gatte nicht will. Geliebte setzt Gatten mit intimen Fotos unter Druck, woraufhin Gatte verräterische Fotos samt Computer vernichten will. Das Übliche eben.“

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 19.12.2014, Seite 20

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