Viertelkrimi 13 Kloppenheim

Auf der Suche nach gestohlener Kunst

Feuerbach nähert sich der evangelischen Kirche von der Oberstraße her. Sich umschauend nimmt er die Steinstufen. Für den spätgotischen Turm mit seinen Schießscharten und den rotbraunen Rand- und Fenstersimsstreifen hat er keinen Blick. Auf dem einsam daliegenden Ferrutiusplatz angelangt, bleibt er stehen. Niemand zu sehen. Er dreht sich eine Zigarette, zündet sie an, bläst den Rauch in den flirrenden Sommertag. Neben der überdachten Tür am linken Ende des Kirchenschiffs entdeckt er einen Aschenbecher, geht dort hin, lehnt sich mit dem Rücken gegen die Mauer und wartet. Was gestern Morgen begann, wird nun zu Ende gehen. Der Detektiv drückt die Zigarette aus, überlegt, ob er den zweiten Apfel verspeisen soll und geht ein paar Meter nach vorne. Plötzlich drückt sich ein kaltes Stück Metall gegen seine Schläfe. „Nicht umdrehen. Keine Bewegung. Sonst tot.“

„Ja, Bilder verbrannt. Ich. Alle. Im Ofen.“ Feuerbach saß im Besucherraum des Gefängnisses jener Frau gegenüber, die weltweit für Aufsehen und empörende Aufschreie gesorgt hatte. Die 72 jährige Rumänin hatte jahrelang in einem kleinen Häuschen außerhalb Kloppenheims Richtung Igstadt gewohnt. Unauffällig, still und alleine. Hin und wieder bekam sie Besuch von ihren Söhnen, hin und wieder sah man sie an der Haltestelle Stiegelstraße den Bus der Linie 24 besteigen. „Ich nur wollte helfen Söhne. Es sind doch gute Jungen.“ Dann verabschiedete sie sich und schlürfte gebückt zurück in ihre Zelle.

Im Auto ließ Frederic die Ereignisse Revue passieren. Im Oktober 2012 waren aus dem Rotterdamer Museum sieben Meisterwerke von Picasso, Matisse, Monet, Gauguin gestohlen worden. Der Gesamtwert belief sich auf 100 Millionen Euro. Die Polizei verdächtigte zwei Rumänen. Der Aufenthalt der beiden war unbekannt gewesen, aber jene Rumänin in Kloppenheim wurde als die Mutter der kriminellen Brüder ermittelt. Wochenlang beobachtete man das Gebäude. Dem einen oder anderen Kloppenheimer waren schon die taubenblauen Limousinen und der schwarze Mercedes Vito mit den abgedunkelten Scheiben aufgefallen, die ständig durchs Ort fuhren oder in der Stiegelstraße parkten. Genauso wie die Männer und Frauen, die im Landgasthof „Zum Schwanen“ Zimmer belegten. Als es dann so weit war und die Brüder das Haus betreten wollten, war der Zugriff schnell, unaufgeregt und erfolgreich erfolgt. Die Sensation allerdings ergab die Durchsuchung der Wohnung. Im Holzofen in der Küche hatte die Spurensicherung des BKA neben anderen Indizien kleine Nägel aus Stahl und Kupfer zur Befestigung von Leinwänden gefunden, die eindeutig aus dem 19. Jahrhundert stammten. Die Schlussfolgerung war grausam, und als die alte Rumänin gestand, dass sie, als sie die Observierungsfahrzeuge vor dem Haus bemerkte, die Bilder, die ihr ihre Söhne zur Aufbewahrung gegeben hatten, verbrannt zu haben, erschütterte ein Aufschrei der Empörung die Kunstwelt.

Feuerbach hatte von alldem nur in der Zeitung gelesen. Als er aber eine SMS von Nadeshda mit folgendem Inhalt bekommen hatte: „Bin entführt. Du musst Rodica Tamoveanu im Gefängnis besuchen. Melde mich!“, war er nicht nur zu Tode erschrocken und voller Sorge um seine junge „Assistentin“, sondern plötzlich mitten drin in dieser verrückten Bildergeschichte.
Kaum war das Vergangene zu Ende bedacht, erreichte er Kloppenheim, wohin ihn die zweite SMS Nadeshdas gelockt hatte. Er parkte in der Obergasse, Ecke Stiegelstraße, was zwar absolut verboten war, ihn allerdings nicht die Bohne interessierte. Schnell ging er in das Dorflädchen. Vor lauter Aufregung hatte er heute noch nichts gegessen. Er kaufte zwei „Kloppenheimer Streiflinge“ und biss auf dem Weg durch die Obergasse in den saftigen Apfel.

Der Mann hatte sich unbemerkt angeschlichen. Der Druck des Pistolenlaufs nimmt zu. „Hast du Nachricht von Mama?“
„Die Nachricht lautet: Cimitir. Obelisk. – Was ist mit Nadeshda?“, presst Feuerbach hervor. „Ich jetzt weg. Du nicht bewegen. Sonst tot!“
Der Pistolenlauf löst sich, Frederic hört eilige Schritte. Vollkommene Stille. Nur sein Herz pocht laut. Plötzlich ist die Hölle los. Aus allen Ecken kommen taubenblaue Autos geschossen, gefolgt von Streifenwagen mit Blaulicht, gefolgt von einem schwarzen Mercedes Vito. Aus Richtung Auringen knattert ein Hubschrauber über ihre Köpfe hinweg. Der Zauber dauert zehn Minuten. Dann sind der Helikopter und die Fahrzeuge samt Pistolenmann verschwunden und die Ruhe wieder hergestellt. Lediglich Hauptkommissar Fischer ist noch da und sagt: „Sie haben ihn. Den dritten Bruder. Radu. Dank deiner Hilfe, die schon für immer verlorenen geglaubten Bilder ebenfalls. Waren neben dem Kriegerdenkmal auf dem Friedhof vergraben. Die Verbrennung war nur ein Trick.“ Frederic unterbricht ihn wütend: „Ist mir scheiß egal. Wo ist Nadeshda?“ Fischer bleibt ruhig: „Ach, die wird wieder auftauchen. Ist doch ein cleveres Mädchen …“ „Ich glaube, du tickst nicht richtig, wie kannst du so ruhig bleiben, wo die Kleine vielleicht …“
„Schön, dass du dich so um mich sorgst, du Detektiv.“ Frederic dreht sich blitzschnell um. Vor ihm, blass, zerzaust und beschmutzt aber grinsend steht Nadeshda. „Wie, was, wo …?“

Später sitzen Fischer und Feuerbach zusammen mit Nadeshda im Bella Vista, da sie unbedingt etwas essen musste. „Pizza und Cola und sonst nichts!“
Kauend erzählte sie, dass der Rumäne sie im Waldstück zwischen Auringen und Kloppenheim freigelassen hatte und dann vom Hubschrauber entdeckt worden war. Frederic wollte wissen, wie sie in diese Sache hineingeraten war. „Viel Zufall und noch mehr Blödheit meinerseits. Ich habe diesen Radu vorgestern auf einer Party getroffen. Wir kamen ins Gespräch und ich dumme Nuss prahle damit, für einen Detektiv zu arbeiten. Auf dem Weg nach Hause hatte ich plötzlich eine Kapuze überm Kopf und landete unsanft in einem Kofferraum. Aber genug jetzt. Ich muss mir etwas aufheben, um es mit dem Polizeipsychologen aufarbeiten zu können.“ Sprach’s, blinzelte mit den Augen und biss kräftig in ihre Pizza.

2013 09 04 Viertelkrimi 13 Kloppenheim_001

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