Viertelkrimi 10 Heßloch

Ein entführtes Mädchen und ein Nackter

Wiesbaden . Das Gelände des Familiensportvereins entpuppt sich als ein blickdicht abgeschirmtes Areal für die Anhänger der freien Körperkultur. Na ja, denkt Feuerbach, da werde ich in meiner natürlichen Schönheit wenigstens nicht auffallen. Der Eingang ist unverschlossen. Bis auf eine Person, die nackt auf einer Luftmatratze neben einem Wohnmobil liegt und anscheinend schläft, ist niemand zu sehen. Frederic zieht sich aus, bei der Unterhose zögert er, streift sie dann kurzentschlossen hinunter. „Die Schuhe lasse ich an“, murmelt er, woraufhin prompt in seinem Ohrstöpsel Nadeshdas Kommentar zu hören ist. „Deine Füße sind auch nicht so interessant, oder? Ich kann von meinem Platz aus fast das gesamte Gelände überblicken, inklusive dir.“ Ohne weiteres Zögern geht der Detektiv zu dem weiß gestrichenen Häuschen und stellt sein Gepäckstück ab. Zwanzig Bündel zu jeweils 500 Scheinen im Nennwert von 200 Euro mit einem Gewicht von etwa elf Kilogramm.
Frederics Dilemma

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Zwei Tage zuvor
Frederic hatte Bauchschmerzen. Von einem Verbrechen zu erfahren und nicht die Polizei zu benachrichtigen, könnte ihm nicht nur die Sympathien seiner Polizeifreunde kosten, sondern auch die Lizenz als Privatdetektiv. Allerdings hatte er seiner Mandantin versprochen, über das, was sie ihm erzählte, absolute Verschwiegenheit zu bewahren. Ein Dilemma. Schließlich ist eine Entführung keine Bagatelle – im Gegenteil. Frau Gattes hatte ihn beschworen, der Forderung des Kidnappers nachzukommen und nichts zu unternehmen, was das Leben ihres Kindes in Gefahr bringen könnte. Das geforderte Lösegeld in Höhe von zwei Millionen Euro könne ihr Mann vom Firmenkonto holen. Zwar seien sie seit mehreren Jahren getrennt, führten aber dennoch als gleichberechtigte Partner das Softwareunternehmen.
Ihre Tochter Bella sei nach der Abiturfeier vorgestern Abend nicht nach Hause gekommen. An sich kein Grund zur Besorgnis. Aber als sie sich gestern nicht gemeldet hatte, habe sie ihren geschiedenen Ehemann angerufen, der auch nichts wusste. Sie wollten bis zum Nachmittag warten und dann zur Polizei gehen. Gegen drei Uhr rief jemand mit verzerrter Stimme bei ihr an und teilte mit, er habe ihre Tochter entführt. Wo und wann die Lösegeldübergabe stattfinden sollte, würde sie morgen früh erfahren. Keine Bullen, sonst stirbt Bella, zitierte sie den Anrufer.
Am nächsten Tag, um acht Uhr, saß Frederic im Wohnzimmer von Bruno Gattes Reihenhaus, im Heßlocher Rehweg. Seine Auftraggeberin stand am Fenster und schaute mit geröteten Augen hinaus in den Garten. Ihr Exgatte lehnte am Türbalken, hielt ein Glas Whiskey in der Hand und war wütend.
Dumm und leichtsinnig
„Wie konntest du einen Detektiv einschalten! Damit gefährdest du unnötigerweise Bellas Leben. Das ist dumm und leichtsinnig. Erzähl mir nicht, er hätte lediglich ,keine Polizei´ gesagt. Ich glaube nicht, dass dieser Verbrecher deine Haarspalterei nachvollziehen wird. Wenn Bella etwas zustößt, ist das allein deine Schuld.“ Er kippte den Whiskey auf einen Zug hinunter, knallte das Glas auf den Tisch und verließ mit einem gemurmelten „Ich gehe raus eine rauchen“ den Raum.
Neben dem Sessel stand ein schwarzer Aktenkoffer. Bruno Gattes hatte das Geld besorgt. Feuerbach versuchte, die Mutter zu beruhigen. „Es war richtig. Wir werden das …“ In diesem Moment klingelte das Telefon. Hastig drehte sie sich um und griff nach dem Hörer. Frederic signalisierte ihr, den Lautsprecher einzuschalten. Krächzend und verzerrt forderte der Entführer, sie solle in dreißig Minuten mit dem Geld zum Tennisplatz fahren. Neben dem Clubhaus stünde eine weiße Tasche. Darin befänden sich weitere Anweisungen. Frau Gattes erklärte mit heißer und zittriger Stimme, dass das Geld bereit sei und ein guter Freund der Familie die Übergabe vornehmen würde. „Ich schaffe das einfach nicht. Wir haben auch keine Polizei eingeschaltet.“ Als sie, wie mit dem Detektiv abgesprochen, nach einem Lebenszeichen von ihrer Tochter fragte, wurde aufgelegt.
Eine halbe Stunde später saß Feuerbach im Mercedes von Herrn Gattes. Auf dem Beifahrersitz stand der Aktenkoffer. Langsam ließ er den Wagen den Rehweg entlangrollen und bog links in den Jagdweg ein. Gleichzeitig telefonierte er mit Nadeshda, die bereits eine geraume Zeit müde und schlecht gelaunt auf ihrer Vespa sitzend in der Nähe des Hauses gewartet hatte.
Vom Jagdweg aus bog Frederic in die Steinkopfstraße ein und fuhr bis hoch zur Tennisanlage. Wobei die Bezeichnung Straße für diesen asphaltierten Feldweg die Übertreibung des Jahres war. Wie angekündigt, lag neben dem Vereinshaus eine weiße Tennistasche. Er öffnete sie. Auf einem handgeschriebenen Zettel stand: Geld in die Tasche packen. Zum Gelände des Familiensportvereins fahren. Auto stehenlassen. Mit Tasche hineingehen. Nackt ausziehen. Mit Tasche bis zum Haus laufen. Tasche abstellen. Sofort verschwinden.
Schwarz oder blond?
Frederic hatte laut vorgelesen, so dass Nadeshda übers Handy alles mithören konnte. Ihr Kommentar kam prompt: „Na, dann mal los. Ich fahre vor. Freue mich schon.“
Bei der gemeinsamen Auswertung von Nadeshdas Filmaufnahmen kann man deutlich die junge Frau erkennen, wie sie sich von der Luftmatratze erhebt, ohne sich umzusehen, losgeht, die Tennistasche nimmt und zum entgegengesetzten Ende des Grundstücks eilt. Sie hat lange schwarze Haare, ist klein und schmal. „Ich bin ums Gelände herumgefahren, habe aber niemanden gesehen.“ Frau Gattes erkennt, trotz der Perücke, sofort ihre Tochter. Einerseits erleichtert, dass ihr nichts geschehen ist, andererseits wütend über deren Unverfrorenheit, schüttelt sie nur den Kopf. Zehn Minuten später klingelt es und Bella steht vor der Haustür, blond und angezogen.
Gruß von Bruno
Wochen danach, Feuerbach hat das Heßlocher Intermezzo schon fast vergessen, kommt Frau Gattes erneut zu ihm. In der Hand hält sie eine Ansichtskarte von den Malediven, die sie mit den Worten: „Der hat fast das gesamte Firmengeld unterschlagen“, Frederic auf den Tisch wirft. Auf der Rückseite steht: “ Tut mir leid. Aber ich hatte alles verspielt. Dank Bella fange ich mit deinem Geld ein neues Leben an. Bruno!“

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