Viertelkrimi 20 Medenbach

Erst fällt das Motorrad um, dann rasr es davon

Apfelwein war nie Feuerbachs bevorzugter Durstlöscher. An heißen Tagen einen sauer Gespritzten war ganz o.k.. Allerdings hatte er Freunde, die auf dieses Getränk schworen. So auch der bekannte Frankfurter Krimiautor Jakob Seemann. Um ihm eine Freude zu machen, hatte Frederic ihn nach Wiesbaden zu einer Apfelweinverkostung eingeladen. Der „Medenbacher Streuobstkreis“ veranstaltete im Keller der Hofreite eine Verkostung des im letzten Jahr angesetzten „Stöffche“.
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Die amtierende Apfelweinkönigin, die die Fässer anstach, hatte es dem Detektiv ermöglicht, an diesem Ereignis teilzunehmen. Die Königin hatte Feuerbach bei einem anderen Fall, den er vor längerer Zeit gelöst hatte, kennengelernt. Sechs Apfelweine wurden getestet. Frederic schmeckte kaum einen Unterschied, aber Seemann schwärmte fachkundig bei jedem neuen Glas: „Der ist mild“ oder „der hat wenig Säure“ oder „ganz schön gehaltvoll“ oder „fruchtig“.
Ein Flugzeug brummt heran
Gegen Mitternacht hatte Feuerbach seinen Freund, der leicht schwankte und kräftige Unterstützung benötigte, hinausgeführt. Sie wollten noch etwas frische Luft schnappen, bevor sie sich ein Taxi riefen. Als sie so durch die wolkenverhangene Nacht hoch zur Fritz-Erler-Straße schlenderten – kein Mond, keine Sterne waren zu sehen – hörten sie über sich ein Geräusch, das stetig lauter wurde. Es entpuppte sich als das Brummen eines einmotorigen Flugzeugs, das sich von Osten her näherte und dann Richtung Nordwest abdrehte.
„Die fliegen hier aber tief oder findet der Pilot den Flugplatz nicht?“, fragte Seemann und schwankte alleine weiter. Nach ein paar Metern erreichte er die Kirche, betrat das Gelände, stolperte die Treppe hinunter, setzte sich auf den Boden, mit dem Rücken gegen die Steinmauer gelehnt. Frederic war ihm langsam gefolgt, als plötzlich ein Motorrad aus der Brückenstraße geschossen kam, beim Abbiegen schleuderte, hinschlug und mitten auf der Straße liegen blieb. Der Fahrer hatte sich abgerollt, quälte sich benommen auf, wuchtete seine Maschine hoch und schaute sich gehetzt um. Als er sah, dass der Detektiv auf ihn zukam, sprang er auf seinen Bock und raste davon.
Ganz früh am nächsten Morgen war Frederic schon wieder in Medenbach, allerdings stand er nun auf einer Streuobstwiese, genauer gesagt, zwischen zwei Apfelbäumen im sogenannten Sortengarten am Rande Medenbachs in Richtung Wildsachsen. Hier wurden Bäume mit alten Apfelsorten angepflanzt und gepflegt.
Der Detektiv ist müde
Die Müdigkeit war ihm ins Gesicht geschrieben, er gähnte unentwegt, während weiß gekleidete Beamte der Wiesbadener Kriminalpolizei um ihn herumwuselten und Spuren sicherten. Fischer hatte ihn angerufen, da Feuerbach eine Woche zuvor dem Kriminalbeamten bei ihrem regelmäßigen Schachabend, von seinem Plan, mit Seemann zur Apfelweinprobe zu gehen, erzählt hatte. Die Leiche, die unter einem „Kloppenheimer Streifling“ gefunden wurde, war einer der Teilnehmer der abendlichen Runde. Der Kommissar wollte von dem Detektiv wissen, ob seinem Schnüfflerauge etwas aufgefallen war. Der etwa 40-jährige Mann war erschlagen worden. „Mit einem schweren, metallenen Gegenstand, wahrscheinlich“, sagte einer der Beamten und fügte hinzu: „Mit großer Gewalt, sehr brutal.“ Nadeshda, die Frederic mit ihrer Vespa nach Medenbach gefahren hatte, kämpfte mit starker Übelkeit, nachdem sie einen Blick auf den Kopf der Leiche geworfen hatte. „Nee, nichts Besonderes, außer viel Apfelwein, jede Menge Fachchinesisch und einer ausgelassenen Stimmung. Ob der Tote mit dabei war, kann ich so nicht sagen. Das Gesicht ist nicht mehr zu erkennen“, erklärte der Detektiv. Bevor Fischer weiter fragen konnte, trat ein Spusi-Mann heran: „Wir haben Reifenspuren gefunden. Von einem Motorrad. Ziemlich frisch…“ Feuerbach unterbrach ihn: „Stimmt.“ Und dann erzählte er dem Kommissar vom Unfall und dem Flugzeug.
Sturz des Motorradfahrers
Fischer, Frederic und Nadeshda wurden von einem uniformierten Beamten zu der Stelle gefahren, an der der Motorradfahrer gestürzt war. Deutlich waren bei Tageslicht die Spuren zu erkennen, wo die Maschine entlang geschlittert war. Scheinbar hatte sich der Fahrer doch schwer verletzt, da deutlich eine Blutlache zu sehen war. Sofort wurde die Straße gesperrt. Nadeshda, immer noch ziemlich blass und wackelig auf den Beinen, setzte sich auf den Randstein des Bürgersteigs. Eher automatisch schaute sie sich um und stutzte. Unter dem geparkten Wagen ihr gegenüber glänzte etwas. Silbrig. Rechteckig. „Hey, Herr Detektiv! Da, unter dem Opel.“ Feuerbach ging hin, bückte sich und zog stöhnend einen metallenen Behälter hervor. Sofort war der Kommissar bei ihm. „Loslassen, Frederic. Du verwischst doch Spuren.“ Fischer streifte sich Handschuhe über und hob den Kasten hoch. „Man, der ist aber schwer und schau dir das an!“ Eine Ecke war blutverschmiert und eine gräuliche Masse klebte daran.
Pech gehabt!
„Der arme Kerl hatte einfach nur Pech“, erzählte am Abend Feuerbach seinem Freund am Telefon. „Er wollte den getrunkenen Apfelwein genau an der Stelle loswerden, wo der Metallbehälter, den die Schmuggler abgeworfen hatten, heruntergesaust kam und ihm auf den Kopf krachte. 50 Kilogramm reinstes Kokain. Marktwert etwa sieben Millionen Euro. Fischer hat schon die Information von der Flugüberwachung, welches Flugzeug da im Tiefflug über Medenbach gekreist ist.“

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 29.04.2014, Seite 20

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Viertelkrimi 19 Nordost

Frau von Steinberg hat einen Beschützer

„Hallo Oma, wie geht es dir?““Hallo, ja, wer ist da?““Ich bin´s. Peter, dein Enkel aus München.““Peter, ach das ist ja schön.“ „Du, ich bin geschäftlich in Wiesbaden und da habe ich gedacht, ich rufe dich mal an…“

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Momentaner Engpass
Die Dame, die vor Feuerbachs Schreibtisch saß, hatte sich schick angezogen und sprach ruhig und gewählt. Die leicht zitternden Hände auf einen Spazierstock gestützt, schaute sie Frederic an, blickte ihm direkt in die Augen. „Wissen Sie, mit 89 Jahren will der Kopf nicht mehr so, wie er soll. Es könnte sein, dass ich einen Enkel Peter habe. Es ist beschämend genug, sich nicht an ihn zu erinnern, aber noch peinlicher wäre es, ihm das zu sagen. Natürlich möchte ich ihm die 10 000 Euro leihen. Wenn er doch in Schwierigkeiten steckt. Er hat versprochen, mir das Geld noch dieses Jahr zurückzugeben. Wie sagte er – ach, ja – er habe momentan einen Engpass. Klingt lustig. Ich habe einen Bypass und er einen Engpass. Allerdings…“
Am nächsten Morgen bestieg Wilhelmine von Steinberg das Taxi, das vor ihrer Villa in der Kapellenstraße wartete, und ließ sich zur Hausbank am Schillerplatz chauffieren.
„Sind Sie sicher, dass Sie das wirklich wollen?“, fragte der Fahrer. „Herr Feuerbach, ich bin zwar etwas vergesslich, weiß aber genau, was ich will und was nicht.“ Frederic versicherte sich durch einen Blick in den Rückspiegel, dass die Vespa noch hinter ihm war. An der Bank angekommen, stieg Wilhelmine aus, Frederic blieb sitzen. Befriedigt stellte er fest, dass Nadeshda ihr unauffällig folgte. Auf der Rückfahrt schwieg Frau von Steinberg zunächst und umklammerte ihre Handtasche. Am Ende der Taunusstraße hielt der Detektiv sich rechts und parkte dann auf einem freien Parkplatz vor dem „Café Eden“. „Wir haben noch etwas Zeit. Machen Sie sich keine Sorgen, das geht alles gut.“

Der Kaiser geht spazieren
„Ach junger Mann. Ich bin ganz ruhig. Ich war nur in Gedanken. Wie oft saß ich hier, seitdem der alte Kiosk, der bereits in den 60ern hier stand, vor fünf Jahren durch ein Café ersetzt wurde. Sobald es das Wetter zulässt, sitze ich hier und erfreue mich der Aussicht auf den Nerotal-Park. Wenn ich zum Kriegerdenkmal blicke, sehe ich direkt Kaiser Wilhelm vor mir, wie er mit dem Zaren Nikolaus spazieren geht, am Kiosk, der damals an einer anderen Stelle stand, einen Kaffee trinkt und meine Eltern dabei zuschauen. Ach, ja.“
Sie öffnete die Wagentür, stieg aus und setzte sich auf einen schattenfreien Stuhl. Feuerbach folgte etwas später und nahm am Nachbartisch Platz.
Der Mann, der sich Frau von Steinberg näherte, sah aus, wie Großmütter sich einen Enkel wünschen. Gut gebaut, adrett gekleidet, ordentlich frisiert, freundlich lächelnde Augen. Er setzte sich, ohne zu zögern zu ihr, nahm ihre Hände in seine und sagte etwas, das Frederic nicht verstand. Wilhelmine jedenfalls schien es zu gefallen. Man sah deutlich, wie sich ihr Körper entspannte, jedes Misstrauen von ihr abfiel. Das war der Moment, wo der Detektiv aufstand und zu den beiden hinüberschlenderte.
„Guten Tag, Frau von Steinberg, das ist aber schön, Sie hier zu treffen“, begrüßte Frederic die alte Dame und setzte sich sofort. „So ein Zufall, Herr Feuerbach. Darf ich Ihnen meine Enkel Peter vorstellen…“
Weiter kam Wilhelmine nicht, denn Peter war aufgesprungen, hatte den Stuhl umgeworfen und sich eiligst entfernt. Feuerbach spurtete ihm hinterher. Der Typ war verdammt schnell, zu schnell für den Detektiv. Er sah den vermeintlichen Peter über den Platz laufen, auf der anderen Seite des Parks in ein Auto springen und mit quietschenden Reifen losfahren.

Frederic gibt Gas
Während Nadeshda mit der Vespa die Verfolgung aufnahm, rannte Feuerbach zu seinem „Taxi“ zurück. Kaum hatte er den Motor gestartet, klingelte die Freisprecheinrichtung, Nadeshda rief an: „Fährt zur Nerobergbahn-Station, gerade am Thalhaus vorbei … komm von der anderen Seite!“ Frederic gab Gas und raste ebenfalls Richtung Bahnstation. Schon konnte er den schwarzen BMW des Enkeltrickbetrügers sehen. Er kam um die Kurve geschossen.
Als dieser merkte, dass Feuerbach ihm die Weiterfahrt versperren wollte, bog er mit einem riskanten Lenkmanöver in die Weinbergstraße ab. Er geriet ins Schleudern, krachte gegen einen geparkten Wagen am Straßenrand, fing das Auto wieder und brauste mit Vollgas den Berg hinauf. Frederic hinterher. Im Rückspiegel sah er Nadeshda kommen.
Die Jagd ging weiter, hoch zum Neroberg. Kurz nachdem die Bebauung aufhörte, riss Enkel Peter das Fahrzeug nach links, um in den Weg Richtung „Griechischer Kapelle“ und Opelbad abzubiegen. Doch das Tempo war zu hoch, der BMW kippte um, überschlug sich zweimal und blieb auf dem Dach liegen.

„Waffe wegwerfen“
Als Frederic die Unfallstelle erreichte, drehten sich noch die in den Himmel ragenden Räder. Der Detektiv stieg aus, näherte sich vorsichtig dem Fahrzeug. Plötzlich wurde die Fahrertür aufgedrückt und Enkel Peter krabbelte heraus. Das Gesicht blutüberströmt, hielt er in der rechten Hand eine Pistole. Jetzt kam auch Nadeshda an und Frederic bedeutete ihr, sie solle in Deckung gehen. Der Verletzte versuchte sich aufzurichten, knickte mit den Beinen wieder weg. „Wenn Sie die Waffe wegwerfen, helfe ich Ihnen“, rief Feuerbach. „Der hört dich nicht mehr.“ Nadeshda kam näher, zusammen gingen sie zu dem auf dem Boden liegenden ohnmächtigen Mann. „Ich habe schon die Polizei verständigt.“

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 28.03.2014, Seite 20

Viertelkrimi 18 Sonnenberg

Das Lottoglück eines Penners

 

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„Ich habe schon dreimal gewonnen. Das ist bei mir so. Immer wenn ich ein paar Euro übrig habe, kaufe ich mir einen Lottoschein. Kleinere und größere Beträge. Das ist einfach so. Können Sie mir glauben.“
Feuerbach musterte den Mann, der neben ihm auf der Mauer des Bergfrieds der Sonnenberger Burg lehnte. Zu seinen Füßen standen drei Plastiktüten, vollgestopft mit den Habseligkeiten eines Vagabunden. Andere würden ihn als Penner bezeichnen, dachte der Detektiv. Denn so sah er aus und – so roch er auch. Er sprach langsam und emotionslos. „Was verstehen Sie unter größeren Beträgen?“, wollte Frederic wissen. „Na, mal 50, mal 20.“ Okay, für ihn sicherlich große Beträge … „Tausend“, unterbrach ihn der Mann.
Peter, so hatte sich der Obdachlose vorgestellt, bemerkte Feuerbachs ungläubiges Staunen. „Wirklich. Das ist einfach so. Wegen meines letzten Gewinns habe ich Sie ja auch angerufen.“ Sein Blick wanderte zunächst hinunter zum alten Stadtkern, hinüber zur Stadtmauer und dann, sehnsüchtig, das Sonnenberger Tal entlang. Die Frühjahrssonne erhellte sein Gesicht.
„Mir gefällt mein Leben“, kam er Feuerbachs nächster Frage zuvor. „Ich brauche das Geld nicht, weder für Miete, Auto, Waschmaschine oder anderen Schnickschnack. Ab und zu ein gutes Essen, ein paar neue Klamotten, eine Generalreinigung und ein, zwei Nächte in einem Hotel. Aber dann zieht es mich wieder auf die Straße, auf Parkbänke und unter Brücken. Das ist einfach so.“
Feuerbach nahm es hin, war allerdings gar nicht sicher, ob der Typ ihm gerade einen riesigen Bären aufband. Auch das hatte Peter vorausgesehen und zog aus einer der Tüten zerknitterte Papiere, die sich bei näherer Betrachtung als Kontoauszüge einer Kölner Bank entpuppten. Kontoinhaber: Peter Matschek, Guthaben: 16 291 Euro. Feuerbach beschloss ihm zu glauben: „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Es ist so: Gewinne über 2500 Euro werden von den Annahmestellen nicht bar ausbezahlt und ich muss sie bei der Lottogesellschaft abholen. Und das ist das Problem. Wie man mir ja unschwer ansieht, bin ich obdachlos und habe keinen Personalausweis, sondern nur eine Bescheinigung des Kölner Obdachlosenheims, dass ich dort quasi gemeldet bin. Aber ohne Personalausweis keine Kohle, haben die von der Lottogesellschaft gesagt. Da habe ich dann meinen Bruder gefragt, ob er das Geld für mich abholen könnte. Das hat er auch gemacht. Die beiden ersten Male war alles okay. Für den letzten Gewinn gab ich ihm ebenfalls den Schein und seitdem versuche ich erfolglos, ihn zu erreichen.“
„Und Ihr Bruder wohnt hier in Sonnenberg?“ „Ja, Danziger Straße. Hat eine Praxis. Ist Dr. Dr. Irgendwas. Heißt auch nicht mehr Matschek, weil er den Namen seiner vierten Frau annahm. Hat einen richterlichen Beschluss erwirkt, dass ich mich ihm nicht mehr nähern darf, weiß nicht auf wie viele Meter, sonst komme ich in den Knast…“ Peter stockte, fuhr mit Tränen unterdrückender Stimme fort: „Dabei habe ich ihm schon den ersten großen Gewinn geschenkt, weil er in finanziellen Schwierigkeiten war. Ist doch mein Bruder.“ „Wie viel?“ „65 000.“

„Gibt es hier auch eine Schlossallee?“, fragte Nadeshda, während sie von der Vespa stieg und Frederic seinen Helm abnahm. Sie waren die Parkstraße am Kurpark entlang gefahren, über An der Dietenmühle in die Sonnenberger abgebogen, die dann in die Danziger Straße mündete. Feuerbach hob die Schultern: „Warum?“ „Na, die Hütten, an denen wir vorbeigefahren sind, sehen nicht gerade wie Sozialbauten aus.“ „Wie auch? Sonnenberg galt schon immer als gehobenes Wohnviertel. Nicht umsonst ist hier die Kaufkraft je Einwohner die weitaus höchste von ganz Wiesbaden – übrigens, ich habe dich als meine essgestörte Tochter angemeldet.“
Beim Psychiater
„Wie bitte?“ „Das ist also Ihre Tochter, Herr Feuerbach. Schön. Nehmen Sie Platz, ja so.“ Nadeshda versuchte ernst zu bleiben, setzte sich auf den Stuhl neben Frederic. Dr. Dr. Walter Schmidt, seines Zeichen Psychiater und Psychotherapeut, musterte die beiden neuen Patienten über den Rand einer schmalen Lesebrille. „Wo drückt denn der Schuh, ja so?“
Feuerbach räusperte sich, bevor er sagte: „Ich muss da ein Missverständnis aufklären. Frau Becker ist nicht meine Tochter…“ „Oh, Verzeihung, immer diese Vorurteile, ja so…“ „Auch nicht meine Frau oder Geliebte…“ „…ja so…“ „Sie ist Journalistin und schreibt für die Wiesbadener Tageszeitungen. Sie wird die nächsten Tage einen Artikel über einen Obdachlosen veröffentlichen. Ich glaube, Sie kennen ihn. Peter Matschek.“ Dr. Dr. Schmidts Minenspiel war sehenswert: ungläubiges Staunen, Zweifel und fürchterliche Wut. Erst nacheinander, dann gleichzeitig. „Was fällt Ihnen ein…“
„Was werden Sie jetzt machen?“ Nadeshda überreichte Peter Matschek eine Plastiktüte voller Euroscheine. „Duschen, neue Kleider, ein Hotelzimmer…dann wieder auf die Rolle.“ Er nahm seine vier Tüten, ging los und hob kurz den Arm zum Gruße. „Merkwürdiger Kauz“, sinnierte Nadeshda. „Frederic, du weißt schon, dass das Erpressung war?“ „Wovon sprichst du? Ich habe nur meine Tochter, die sich einbildet eine großartige Journalistin zu sein, zum Therapeuten gebracht. Das unterliegt doch der ärztlichen Schweigepflicht, ja so.“

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 24.02.2014

Viertelkrimi 17 Igstadt

Auch Ermittler sind mal schlecht drauf

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Frederic lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und zog an der Selbstgedrehten. Er saß in seiner Küche, ihm gegenüber Nadeshda. „Kein guter Tag“, sagte sie und versank ebenfalls in nachdenkliches Grübeln.
Feuerbachs Tag hatte wenig amüsant begonnen. Am Vormittag das Treffen mit seiner Ex-Gattin Claudia, die ihm glückstrahlend mitteilte, dass sie im nächsten Monat heiraten würde. Was eigentlich absehbar gewesen war, aber dennoch hatte der Stich in seinem Inneren geschmerzt. Stärker, als er sich eingestehen wollte. Kurz darauf erhielt er die Mitteilung von Hauptkommissar Fischer, dass man Wolf Blaukorn in einem Waldstück bei Igstadt gefunden hatte. Erschossen. Genau dieser Blaukorn war es, auf den der Detektiv aufpassen, dessen Leib und Leben er hatte beschützen sollen.
„Ein beschissener Tag“
Nadeshda ging es nicht viel besser. Die Nachricht, dass sie mit Pauken und Trompeten durch eine wichtige Klausurprüfung gerasselt war, hatte ihr den Tag vermiest. Als ihr dann noch Manuel offerierte, er nehme in Kürze an einer vierwöchigen Expedition in die Arktis teil, war auch ihr Stimmungsbarometer auf dem Nullpunkt angekommen. Kurz entschlossen hatten sich Feuerbach und Nadeshda zusammengetan, um sich gegenseitig zu trösten, sich wieder aufzubauen. Die leere Rotweinflasche zeugte davon, dass reden alleine nichts genutzt hatte. „Ein beschissener Tag“, bekräftigte sie. „Erzähl doch mal, was es mit diesem Typ auf sich hat.“
Blaukorn ist Kronzeuge
Feuerbach räusperte sich, schüttelte zunächst den Kopf, begann aber dennoch: „Also, gut. Blaukorn war zu mir gekommen und hatte mich um Personenschutz gebeten. Er sollte als Kronzeuge gegen eine Bande serbischer Waffenschieber aussagen. Allerdings hatte die Staatsanwaltschaft keine akute Lebensgefahr für ihn festgestellt und ein Schutzprogramm für nicht erforderlich gehalten. Die ersten Tage war alles gut gegangen, es gab keinerlei Anzeichen, dass es jemand auf ihn abgesehen hatte.
Am Sonntagmorgen nahm er an einer Treibjagd bei Igstadt teil. Ich musste da natürlich mit, blieb ihm stets dicht auf den Fersen. Als am Ende das erlegte Wild dekorativ aufgereiht präsentiert und das Jagdglück begossen wurde, war Blaukorn plötzlich verschwunden. Seitdem zermartere ich mir mein Gehirn, wie das passieren konnte. Eigentlich habe ich ihn nicht einen Moment aus den Augen gelassen. Irgendwas oder irgendjemand muss mich kurz abgelenkt haben. Ich bin sofort los, habe überall gesucht, zu Hause bei ihm, habe bei Kollegen und Verwandten nachgefragt, mit der Polizei gesprochen, die keinen Handlungsbedarf sah, bin wieder raus nach Igstadt gefahren, Anwohner befragt – zwecklos. Er blieb spurlos verschwunden.
Am nächsten Morgen hat man dann seine Leiche zufällig in Igstadt gefunden. Du hast sicherlich davon gehört, dass auf einen Bürocontainer des Rettungsdiensts, die am Ortsausgang an der Hinterbergstraße stehen, ein Schuss abgefeuert wurde, der eine Scheibe durchschlug und in einem zum Glück unbesetzten Schreibtisch stecken geblieben war. Man vermutete zunächst, es handelte sich um einen Querschläger der Treibjagdgesellschaft, die an diesem Morgen in der Nähe herumgeballert hatte. Als mehrere Polizisten die Gegend absuchten, woher der Schuss gekommen sein musste, ist man auf die Leiche gestoßen. Vor einer halben Stunde hat mich Fischer angerufen und mir mitgeteilt, das Geschoss, das in Bleikorns Kopf steckte, stamme aus derselben Waffe, wie das im DRK-Container.“ Nadeshda bemerkte, wie sehr Frederic litt, wie sein Versagen ihm zu schaffen machte. Sie wollte ihn trösten, beugte sich zu ihm hin und stieß dabei gegen ein Glas, das seinen roten Inhalt über den Tisch ergoss.
Glühwein auf der Jacke
„Verdammt!“, fluchte Feuerbach. „Na, na, so schlimm ist das ja…“ „Nein. Ich meine nicht dich, Nadeshda. Ich bin ein alter Hornochse. Eine Frau hatte mich angestoßen und Glühwein auf meine Jacke gekippt. Wieso fällt mir das erst jetzt ein?“ „Wahrscheinlich war sie schlank, blond, blauäugig und großbusig…“ „Wo du es sagst – quatsch, sie war klein, rothaarig und trug unförmige Jägerklamotten. Sie muss auf einem der Fotos sein, die gemacht wurden. Komm mit! Wir haben zu tun.“
Während das Taxi die beiden über Bierstadt nach Igstadt chauffierte, telefonierte Feuerbach mehrmals. Er hatte Glück und erreichte die Vorsitzende des Wiesbadener Jagdvereins, die auch sofort zu einem Treffen bereit war. Als das Taxi unterhalb des 27 Meter hohen und über 100 Jahre alten Wasserturms hielt, wartete die Dame schon auf sie. Auf den Fotos, die sie mitgebracht hatte, war die Rothaarige eindeutig zu erkennen. „Das ist die Gattin eines serbischen Unternehmers, der hin und wieder an unseren Jagden teilnimmt. Ich glaube, er hat eine Ex- und Importfirma in Frankfurt“, erklärte sie. Das genügte Feuerbach. Er rief Hauptkommissar Fischer an und teilte ihm den Namen des Geschäftsmanns mit.
Bei der Razzia in der Mainmetropole am nächsten Morgen konnte nicht nur das Gewehr, aus dem der tödliche und der Fehlschuss abgegeben worden waren, sichergestellt werden, sondern auch Unterlagen, die eindeutig Verbindungen zu den Waffenschiebern belegten.
„Na, da hast du dir ja ein großes Halali verdient“, unkte Nadeshda, als Frederic ihr von den Fahndungserfolgen erzählte. „Ein kleines Halleluja wäre mir lieber.“

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 23.01.2014, Seite 20

Viertelkrimi 16 Frauenstein

Silvesternacht eines verliebten Heimatdichters

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„Komm doch mit“, drängelten Nadeshda und ihr Freund Manuel. „Es ist wirklich sensationell. Der Blick über die Weinberge bis hinunter zum Rhein, den Rheingau und hinüber nach Rheinland-Pfalz. Wenn überall die Raketen in den Nachthimmel schießen und rote Schwaden bengalischen Feuers durch die Landschaft schweben …“
Frederic wollte eigentlich nicht. Die vergangenen Jahre hatte er die Silvesternacht stets alleine zuhause verbracht, bei einem guten Bordeaux und Buch. Für ihn war der Jahreswechsel ein unwichtiges Ereignis, weder ging etwas zu Ende noch begann etwas Neues. Nichts änderte sich außer der letzten Ziffer der Jahreszahl.
Mit zwei Flaschen Sekt
Aber den Überredungskünsten der jungen Leute konnte er sich nicht entziehen und so brachen sie gegen 23 Uhr Richtung Frauenstein auf. Hinter dem Ortseingang bogen sie links ab und fuhren die schmale Straße vor, fast bis zum Nürnberger Hof, wo sie das Auto abstellten und den Rest hinauf zum Goethestein liefen. Bewaffnet mit Sektgläsern und zwei Flaschen Sekt, erreichten sie den aus Quadern auf der Grundfläche eines gleichseitigen Dreiecks errichteten Tetraeder, dessen hoch aufragende Spitze an einen Obelisken erinnerte.
Gespannte Stimmung
Schon viele Menschen standen herum, waren in Gespräche vertieft oder saßen wagemutig auf der das Denkmal umgrenzenden hohen Mauer. Es herrschte eine eher ruhige, aber untergründig gespannte Stimmung. Denken und Fühlen waren auf das Verstreichen der Zeit gerichtet. Frederic ging vor an die Steinbrüstung, ließ seinen Blick über die unter ihm von Straßenlaternen und Wohnungsbeleuchtungen erhellte Nacht streifen. Hier oben war es dunkel, Mond und Sterne hatten sich hinter Wolken versteckt. Lediglich im Wechsel aufglimmende Zigarettenglut oder beleuchtete Smartphone-Displays setzten einige Lichtpunkte.
Tief unten, am Fuße der Mauer, erkannte er schemenhaft eine Sitzbank, und wenn er genauer hinschaute, meinte er, zwei Personen zu erkennen, die darauf saßen. Auch kein schlechter Platz, dachte er, bevor Nadeshda ihn aus seinen Gedanken riss und ihm ein Sektglas in die Hand drückte: „Noch fünf Minuten!“
Die letzten zehn Sekunden
Die letzten zehn Sekunden zählten die Goethesteinbesucher im Chor herunter, um bei null in einem mehrstimmigen Kanon aus Rufen von „Frohes neues Jahr“ oder „Prost Neujahr“ ihre aufgestaute Anspannung zu entladen. Sektkorken knallten, und schon krachten die ersten Böller los, Raketen schossen pfeifend in die Höhe, um in buntem Leuchten zu explodieren. Während Frederic mit Nadeshda und Manuel anstieß, ging sein Blick wieder hinunter zur Sitzbank. Gerade stand eine der beiden Personen auf, steckte etwas in die Manteltasche, zögerte und entfernte sich dann eilig nach links. Richtung Nürnberger Hof.
Der Frauensteiner Heimatdichter Reinhold Luft hatte sich verliebt. Überraschend und schmerzlich. Überraschend, weil es eine Frau war, die er schon ewig kannte und schmerzlich, weil es die Frau seines besten Freundes war. Nun war es geschehen und ließ sich nicht mehr rückgängig machen. Fast täglich besuchte er nun seinen Freund, erfand immer neue Ausreden für sein Kommen, nur, um in Charlottes Nähe zu sein. Natürlich hatte sie es gespürt, war errötet, wenn er sie wie zufällig berührte, sei es in der Küche, wenn er ihr das Geschirr hineintrug, sei es beim Einlagern der Flaschen, wenn er den beiden im Weinkeller half. Er war sich sicher, dass auch Charlotte ihn liebte, seine Sehnsucht, sein Verlangen spürte.
Und eines Tages war es geschehen. Sein Freund Albert war fortgegangen, Charlotte alleine. Das ewige Spiel des Balzens, Verführens und Paarens hatte seinen Lauf genommen und Reinhold war am Ziel all seiner Hoffnungen und Wünsche angekommen. Noch bevor er an diesem Abend nach Hause geschwebt war, hatten sie sich für die Silvesternacht verabredet. Er würde auf der Bank am Goethestein auf sie warten, sie würde kommen, sobald Albrecht schliefe und das würde, bemerkte Charlotte, nicht lange dauern, da er stets früh einschliefe, es fast nie bis Mitternacht schaffte, wach zu bleiben.
„Er hat sich nicht bewegt“
Nachdem die meisten ihre Munition verschossen, die Gläser und Flaschen geleert hatten und schwankend abgezogen waren, registrierte der Detektiv, dass die Person noch immer auf der Bank an der Mauer saß. „Er hat sich nicht bewegt“, meinte Feuerbach und wandte sich schon zur Steintreppe, die links am Goethestein vorbei nach unten führte. „Wird schlafen“, befand Nadeshda und folgte Frederic, Manuel an der Hand. Mit dem Licht ihres Handys beleuchtete sie den gefährlichen Weg.
Der Mann hatte die Augen geschlossen, zu seinen Füßen lagen zwei leere Weinflaschen und zwei zerbrochene Gläser. Feuerbach beugte sich zu ihm hinunter, berührte ihn an der Wange. „Kalt“, murmelte er und versuchte, seine Finger auf die Halsschlagader zu legen. In diesem Moment schlug der Mann die Augen auf. Der Detektiv wich erschrocken zurück. „Cha … Cha … lotte“, lallte er. „Ich habe ihr sooo einen schönen Liebesbrief geschrieben … so liebevoll … so poetisch – wo ist er eigentlich?“ Er schaute sich um, bemerkte jetzt erst Feuerbach und seufzte: „Na egal. Und wer bist du? Auch egal. Sie hat gesagt, sie wird Albrecht niemals verlassen …“ Er stand auf und schwankte los in Richtung Frauenstein.
Wird nicht so bleiben
„Uff“, machte der Detektiv. „Diesmal kein Verbrechen, keine Leiche. 2014 fängt ja gut an!“ „Was aber sicherlich nicht so bleiben wird, wie ich dich kenne“, unkte Nadeshda, umarmte Manuel mit dem linken und Frederic mit dem rechten Arm: „Happy New Year! Feliz Año Nuevo! Bonne année! Mutlu yillar!“

 

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 30.12.2013, Seite 26

Von Richard Lifka

Viertelkrimi 15 Westend

Tatort Sedanplatz nach „Tatort“ im Café

 

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Wiesbaden . Feuerbach hatte seinen Fernseher auf den Müll geworfen und beschlossen, sich nie wieder solch eine Verführ- und Verdummungsmaschine ins Haus zu holen.
Was er auch nicht bereut hatte, bis auf eine Ausnahme. Sein Sonntagabend-Ritual, das er seit über 40 Jahren ausübte: die neue „Tatort“-Folge schauen. Von den mehr als 800 Episoden hatte er nur wenige verpasst. Deshalb hieß es für ihn jeden Sonntag „Go West“, genauer gesagt, ins Café „Westend“, um sich dort bei einem Tatort-Menü die neueste Folge anzusehen. Danach verließ Frederic das Lokal und eilte zum nächsten Termin.
Schüsse aus dem BMW
Ein tiefgelegter schwarzer BMW bog vom Kurt-Schumacher-Ring in die Seerobenstraße ein. In Höhe Roonstraße verringerte er das Tempo, die dröhnende Musik im Wagen wurde abgeschaltet.
Frederic lief vor bis zum Sedanplatz, bog links ab und blieb vor dem Restaurant „Das Lokal“ stehen. Kurz darauf kam ein etwa 25-jähriger Mann heraus, der sich nervös umschaute. Die beiden begrüßten sich und überquerten die Straße.
Der schwarze BMW schoss los. Bremste an der Verkehrsinsel. Aus dem offenen Beifahrerfenster sah man die Spitze eines Schalldämpfers. Mit zwei leisen „Blubbs“ verließen die Geschosse den Lauf und rasten auf ihr Ziel zu.
Als Feuerbach und sein Begleiter auf der Verkehrsinsel stehen blieben, hielt ein Wagen mit quietschenden Reifen vor ihnen. Wie in Zeitlupe sah der Detektiv, wie ein Mann auf dem Beifahrersitz zwei Schüsse abgab.
Der Wagen rast davon
Geistesgegenwärtig stieß er den jungen Mann zur Seite und warf sich auf den Boden. Rollte nach rechts, in den Schutz eines Fahrzeugs, das verbotenerweise auf der Insel abgestellt war. Der Wagen raste mit durchdrehenden Reifen davon.
„Adal Yidirim. Er war der Einzige, der aussagen wollte.“ Frederic und Nadeshda saßen in Feuerbachs 2CV und beobachteten das Fenster im dritten Stock des Backsteinhauses. „Er war wegen Offerten-Betrugs angeklagt und hatte vom Staatsanwalt Straffreiheit zugesichert bekommen, wenn er die Hintermänner nennt.“ „Was ist das denn?“ „Ein sehr einträgliches Geschäft. Das Prinzip ist einfach. Man durchforstet die Handelsregistermeldungen, in denen ja alle Neugründungen von Firmen, Adressänderungen, die Gesellschafter und so weiter veröffentlicht werden. Dann schickt man diesen eine Rechnung mit amtlich aussehendem Briefkopf und fordert, 172,60 Euro Bearbeitungsgebühren zu überweisen.“ „Naja, das ist ja nicht gerade viel“, warf Nadeshda ein.
60 000 Euro im Monat
„Wie man´s nimmt. Wenn dir monatliche Einnahmen von 60 000 Euro nicht viel erscheinen…“ „Nee, oder? Und die Leute zahlen das einfach so?“ „Viele. Die Briefe sind gut gemacht. Der Betrug fällt erst auf, wenn irgendwann die richtige Rechnung kommt.“ „Und dieser Adal hat das durchgezogen?“ „Genau das ist das Problem. In Wiesbaden wird das von einem Drahtzieher im Hintergrund organisiert. Der hat mehrere Büros, die nichts anderes machen, als Handelsregistereintragungen zu studieren, Briefe zu drucken und zu verschicken. Für die Geldüberweisungen benötigt er Bankkonten. Diese lässt er von Strohmännern, meist Türken, die gerade 18 Jahre alt geworden sind, eröffnen. Er braucht viele Strohmänner, da die Banken, wenn ständig die gleichen Beträge eingehen, hellhörig werden und die Konten sperren. Die Strohmänner speist er mit ein paar Hundert Euro ab.“ „Adal war so ein Strohmann?“ „Genau. Als er vom Staatsanwalt erfuhr, was der große Guru abkassierte und wie wenig davon für ihn abfiel, beschloss er auszusagen..“ „…was er dann mit dem Tode bezahlte..“ Frederic verstummte. Noch war das Bild des in seinen Armen verblutenden Mannes zu frisch, zu gegenwärtig.
„Hat er Namen genannt?“
Nach einigen Schweigeminuten fragte Nadeshda: „Und? Hat er den Namen genannt?“ „Der Polizei nicht, aber mir. Im Sterben hat er ihn geflüstert. Er wollte noch etwas mit mir besprechen, bevor er sich auf den Deal mit der Staatsanwaltschaft einließ.“ „Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Wie heißt der Drahtzieher, wo wohnt er, weiß es die Polizei schon?“ „Tja, ich habe den Namen nicht richtig verstanden. Türkisch klingt in meinen Ohren irgendwie gleich.“
Nadeshda wollte etwas Zynisches einwerfen, aber Feuerbach fuhr unbeirrt fort: „…allerdings habe ich den Schützen erkannt. Ein Zufall. Ein anderer Fall. Ich beschloss, der Polizei den Boss auf einem Silbertablett zu servieren. Das bin ich meinem Mandanten schuldig. Also habe ich den Schützen der Polizei nicht genannt, sondern habe ihn tagelang beschattet. Bis heute.“ „Und?“ „Was denkst du, warum wir hier seit Stunden in der Blücherstraße herumsitzen und das Haus da drüben beobachten?“ „Das frage ich mich die ganze Zeit.“ „Der Killer ist dort hineingegangen. Nun schon das vierte Mal in den letzten Tagen…“ In diesem Moment kam ein elegant gekleideter Türke aus dem beobachteten Objekt. Frederic rutschte nach unten. „Das ist er.“ Der Typ trat auf den Bürgersteig und ging Richtung Bismarckring davon.
„Und jetzt?“, fragte Nadeshda. „Jetzt gehen wir mal da hoch.“ Auch nach mehrmaligem Klingeln öffnete niemand. Frederic zog sein „Besteck“ hervor und hatte in wenigen Sekunden das Schloss geknackt. Vorsichtig betraten sie die Wohnung. Noch bevor die beiden sich umschauen konnten, hörten sie an der Eingangstür ein Geräusch. Frederic bedeutete Nadeshda, in Deckung zu gehen. Er zog seine Pistole und versteckte sich hinter einer Tür.
Ein fetter, schmieriger Türke kam herein. Schaute sich um. Er war nicht alleine. Freundlich sagte er: „Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus. Wir haben Sie seit Tagen beobachtet. Mein Freund hier schießt sofort.“ Frederic tat wie ihm geheißen.
„Waffen fallen lassen und auf den Boden legen“, brüllte Hauptkommissar Fischer, der zusammen mit fünf SEK-Leuten hinter den Türken hereingekommen war. Nadeshda krabbelte unter einem Schreibtisch hervor: „Wieso Polizei?“ Fischer grinste: „Meinen Sie, ich hätte unseren privaten Schnüffler seit der Schießerei am Sedanplatz auch nur für eine Sekunde aus den Augen gelassen?“

Wiesbadener Kurier Stadtausgabe vom 29.11.2013, Seite 20

Viertelkrimi 14 Schierstein

„Deine Grundschule brennt!“

2013 10 Viertelkrimi 14 Schierstein

WIESBADEN . Rauchschwaden zogen über den Schiersteiner Hafen. In Frederic Feuerbachs Kopf erklang sofort der Riff von „Smoke on the water“ und kurz darauf blitzte eine weitere Erinnerung aus seiner Kindheit auf. Wie oft hatte er sich auf seinem morgendlichen Weg gewünscht, die Schule würde brennen und der Unterricht ausfallen. Wenig später stand er vor dem Hauptgebäude der Erich-Kästner-Schule, aus deren Fenstern hohe Flammen schlugen. Aus allen Richtungen schossen Wasserfontänen aus den Schläuchen der angerückten Feuerwehren.

Die Nachricht lautet „KHB“

„Hallo Herr Feuerbach, jemand zu Hause?“ Nadeshda riss den Detektiv in die Gegenwart. „Ich habe gerade mit einem Ermittler gesprochen. Scheinbar wieder Brandstiftung. Wie letzte Nacht in der Hafenschule und heute Mittag im Feuerwehrgerätehaus in der Karl-Lehr-Straße…“ „…und eine Nachricht?“ „Wie gehabt: KHB.“ „Lass uns fahren. Hier können wir sowieso nichts ausrichten.“

Wenig später saß Feuerbach im Halbdunkel seines Zimmers, hatte Deep Purples Album „Machine head“ aufgelegt und einen alten Bordeaux geöffnet. Die Ereignisse berührten ihn stärker, als er sich eingestehen wollte. Diese brennenden Schulgebäude, in die er so viele Jahre gegangen war, Schierstein, wo er seine Kindheit verbracht und lange nicht mehr war, steckten voller Erinnerungen. Und heute war er gleich dreimal dorthin gefahren. Natürlich hatte er Kommissar Fischer von den Telefonaten erzählt.

Feind aus Jugendtagen?

Die Anrufe, die ihn auf die Brände hinwiesen, kurz und knapp: „Deine Grundschule brennt“, oder „In Schierstein brennt die Feuerwehr“ und heute Abend „Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Kästner“. Es musste jemand sein, der viel über Feuerbach wusste. Was bezweckte er?

Feuerbachs Kindheit verbrennen? Dann passte die brennende Feuerwache nicht. Mit Feuerwehren hatte der Detektiv nie etwas zu tun gehabt. Ein Feind aus Jugendtagen, dem er Leid zugefügt hatte? Das ergab alles keinen Sinn. Der Hinweis auf den dritten Brand war ein Zitat aus der Nazizeit, als Goebbels in Berlin Bücher verbrannte. Sicherlich war die Polizei schon im rechten Milieu auf Spurensuche. Dann diese Zettel mit der Buchstabenkombination, was sollte das? KHB gab es massenhaft als Abkürzung.

Feuerbach findet keine Ruhe

Es half nichts. Frederic fand keine Ruhe. Er bestellte ein Taxi und ließ sich an den Schiersteiner Hafen chauffieren. Es war kurz vor Mitternacht und eisig kalt. Der mit dicken Wolken verhangene Himmel riss auf und ein fast voller Mond erhellte die Nacht. Feuerbach lief die Uferpromenade entlang, bis zum Christophorushaus. Dort blieb er stehen, schaute sich um. Hier musste sie doch stehen? Richtig. Dort drüben auf der Wiese erkannte er sie schemenhaft. Die Jupitergigantensäule. Nicht gigantisch, eher zierlich. Er erinnerte sich, wie enttäuscht sie gewesen waren, als sie das Replikat zum ersten Mal sahen. Sie hatten in der Schule gebastelt und gemalt, um die Werke auf einem Flohmarkt zu verkaufen, dessen Erlös der Herstellung des Denkmals zugutegekommen war.

„Kennen wir uns?“

Er betrat die Wiese und erkannte, dass dort jemand auf dem Boden saß, gegen die Säule gelehnt. Frederic näherte sich vorsichtig. Mit zittriger Stimme sprach der Mann: „Hast lange gebraucht.“ Feuerbach schluckte: „Kennen wir uns?“ „Komm setz dich zu mir.“ Kurz zögerte der Detektiv, dann ging er vor dem Fremden in die Hocke. „Wer bist du?“ „Ich bin ein Geist, ich bin der Racheengel, ich bin … ich hab’s vergessen.“ Frederic bemerkte, dass er etwas in der linken Hand hielt. Der Mann hob den Arm, hielt es vor seine Augen. „Der da ist tot, seit 42 Jahren, und sein Geist ist in mir. Er ist zurück auf die Erde gekommen.“ Der Mond verschwand hinter einer Wolke, es wurde schlagartig dunkel. Plötzlich zog der Mann ein Feuerzeug hervor, entfachte die Flamme und hielt sie ans Foto, das sofort Feuer fing. „Leb wohl, mein Freund, zum zweiten und hoffentlich letzten Mal.“ Frederic blickte in das vom Schein erhellte Gesicht. „Werner? Werner Krumelholz? Du?“ „Heiße ich so? Ja, wenn du es sagst. Vielleicht, vielleicht. Geister haben viele Namen. Sie verfolgen dich, jagen dich, schlüpfen in dich hinein und sagen dir, was du machen sollst.“ Er warf das restliche Stück Foto ins Gras, die Flamme erlosch, er stand auf und verschwand in die Nacht. „Denk an das Datum!“, hörte Feuerbach ihn noch rufen.

Kein Auge zugetan

Frederic gähnte, biss lustlos in ein Croissant, während Nadeshda ihren Roibuschtee sichtlich genoss. Er hatte kein Auge zugetan, war durch den Ort geirrt und hatte sein Gehirn zermartert. Es lag auf der Hand, und er konnte es nicht fassen. Um acht Uhr hatte er Nadeshda aus dem Bett geklingelt und sich mit ihr im Café Orange verabredet. Sein Blick streifte über die Hafenanlage, während er sprach: „Werner Krumelholz. Ich erinnere mich schemenhaft an ihn. Er war eine Klasse über mir. Hing immer mit einem anderen Typen ab. Waren unzertrennlich. Dass ich den heute Nacht wiedergetroffen habe, war merkwürdig. Aber er hatte mich erwartet. Nachdem ich Kommissar Fischer angerufen hatte, ging es ziemlich schnell. Werner wohnt in der Seniorenanlage da vorne. Sie haben jede Menge Brandbeschleuniger in seinem Zimmer gefunden. Laut Schneider hat er ununterbrochen von Geistern geplappert. Scheint stark verwirrt zu sein. Aber warum die Zündelei, warum jetzt, und warum rief er mich an?“

Nadeshda hatte ihr Smartphone hervorgeholt: „Gestern war der 23. Januar. Vor 42 Jahren, das war 1971…mal sehen. Hier…an diesem Tag hatte die Firma Linde in Mainz gebrannt, drei Menschen sind dabei ums Leben gekommen…“ Frederic schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn: „Ich bin so blöd. Klar. KHB, das ist Karl-Heinz Bremser. Einer der Feuerwehrleute, die verschüttet wurden und starben. Karl-Heinz war Werners bester Freund. Werner hatte ihn überredet, bei der Freiwilligen Feuerwehr mitzumachen. Und in dieser Katastrophennacht war Werner krank, konnte nicht mit. So ist Karl-Heinz ohne ihn zu seinem ersten Einsatz gefahren. Dass mir das nicht gleich eingefallen ist!“